THEMA 4 / 2022

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Einleitung: Mit Beginn des Ukraine-Kriegs am 24.2.2022 steht erstmals in der Geschichte der modernen Kriegsführung ein Atomkraftwerk (AKW) im Mittelpunkt militärischer Auseinandersetzungen. Gleich am ersten Tag besetzte das russische Militär die AKW-Ruine Tschernobyl im Norden der Ukraine, wenige Tage später das AKW Saporischschja im Süden, den größten Atommeiler Europas. Seit Juli 2022 versuchen ukrainische Militäreinheiten Saporischschja gewaltsam zurückzuerobern. Seitdem steht das AKW unter anhaltenden Granatenbeschuss, selbst während des Besuchs der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA). In seinem Bericht an den UN-Sicherheitsrat sagte der IAEA-Chef Rafael Grossi: “Wir spielen mit dem Feuer, und es könnte etwas Katastrophales passieren.” (digitallibrary.un.org, 7.9.2022: 3) Besonders kritisch ist die externe Stromversorgung des AKW für die Kühlung der Reaktoren und der verbrauchten Brennstäbe. Infolge der militärischen Auseinandersetzungen hat Kiew zeitweise den Strom abgestellt. Deshalb schlägt die IAEA eine Entmilitarisierung des Gebiets um das AKW vor.

Doch bezog Grossi keine Stellung zu den Vorwürfen der beiden Kriegsparteien. Die Öffentlichkeit hat deshalb immer noch keine solide Quelle, um Russlands schwerwiegende Vorwürfe überprüfen zu können. Danach würde Kiew wie der Iran die friedliche Nutzung der Kernenergie zum Bau einer Atombombe nutzen. Doch ist dies nicht das einzige Tabuthema in der aktuellen Kriegsberichterstattung. Die nukleare Sicherheit ist in der Ukraine auch dadurch gefährdet, dass Tausende von Standorte mit nuklearem Material nicht genügend überwacht werden (science.org, 25.3.2022). Zudem entsteht mit finanzieller Unterstützung aus Westeuropa in der Sperrzone um das verstrahlte AKW Tschernobyl (an der Grenze zu Weißrussland und Russland) das größte Endlager der Welt für radioaktiven Abfall (stimson.org, 23.3.2022). Schließlich ist der Öffentlichkeit kaum bekannt, dass ca. 60 km nordwestlich des AKW Saporischschja das größte radioaktiv kontaminierte Gebiet der Welt liegt, das stillgelegte Chemiewerk Prydniprovsky (PCP). Dort lagert 15 mal so viel Atommüll wie in der AKW-Ruine von Tschernobyl, teils unter freiem Himmel …

Dieses THEMA IM FOKUS 4/2022 bietet Hintergrundwissen zum AKW Saporischschja in Form von Literaturhinweisen mit kurzen Inhaltsangaben und übersetzten Zitaten, insbesondere bei ukrainischen und russischen Quellen. Dabei werden die Angaben so vervollständigt, dass die Leser diese fremdsprachlichen Informationen mithilfe von Browsern mit Übersetzungsprogrammen selbst überprüfen und nutzen können. Auf eigene Analysen und Kommentare wird weitestgehend verzichtet. Diese sind in anderen Fokusthemen (vgl. 2 und 3/2022) und Veröffentlichungen (FPK online, Ausgabe 4 und 7) nachzulesen. 

Trotz Bemühung um Objektivität spiegelt die Auswahl der Quellen den subjektiven Zugang der Autorin wider: Sie möchte mit diesem Fokusthema über die Risiken eines Reaktorunfalls aufklären und somit zu einer Beendigung des Kriegs beitragen. Sie folgt keinen Fremdinteressen oder einer Auftragsforschung, sondern fühlt sich humanistischen Werten verpflichtet: Respekt vor der Würde des Menschen, Toleranz gegenüber Anderen, Schutz seiner Lebensgrundlagen und das Bekenntnis zur Gewaltfreiheit. Diese Werte hat der australische Künstler Peter Seaton in seinem Wandgemälde “Peace before Peaces [Frieden bevor die Welt zerstört wird]” zum Ausdruck gebracht (vgl. rechts). Wissenschaftler können dies begründen. 

Das Quellenmaterial wird seit Anfang September 2022 zusammengetragen . Es gliedert sich in vier größere Themenblöcke: An erster Stelle stehen Bericht zur aktuellen Lage im AKW. Es folgen geschichtliche Hintergründe hierzu bis zum Beginn des Ukraine-Kriegs am 24.2.2022. Der dritte Abschnitt beleuchtet Kiews Atompolitik mit den bisher bekannten Folgen und Risiken. Schließ informiert ein letzter Abschnitt über die Energiepolitik der Ukraine, die keine Energiewende erkennen lässt, sondern den eingeschlagenen Kurs fortsetzt. Die einzelnen Themenblöcke enthalten Informationen und Links zu unterschiedlichen Quellen, Presseberichte, offizielle Dokumente internationaler Organisationen sowie wissenschaftliche Publikationen   

Peter Seaton: PEACE BEFORE PIECES (2022)

Quelle: Wandgemälde von Peter Seaton, Künstler aus Melbourne, Australien: Peace before pieces [2022] by CTO, CTOart, Sydney, 3.9.2022. Das Bild zeigt die Umarmung eines russischen (links) und ukrainischen Soldaten (rechts) und stand unter dem Motto “Frieden bevor die Welt zerstört wird” (Übersetzung: S.R.). 

AKTUELLES

▪DIE LAGE IM AKW SAPORISCHSCHJA (ZNPP) AB DEM 24.2.2022

DATUM
(absteigend)

INFORMATIONEN (eigene Texte mit “Zitaten“, Umschrift eingedeutscht bzw. Englisch, Übersetzung: S.R.)

QUELLEN (Autor, Titel, URL u.a.)

27.9.2022

In seinem Bericht zur Lage im AKW Saporischschja bestätigt der Generaldirektor der IAEA einen erneuten Beschuss der Atomanlage nach einigen Tagen der Ruhe. Die dort stationierten IAEA-Mitarbeiter informierten ihn über Explosionen auf dem AKW-Gelände am 26. und 27.9.2022, infolge dessen die Fenster einer Turbinenhalle zu Bruch gingen. Nur durch die Einrichtung einer militärischen Schutzzone könne die gefährliche Lage entspannt werden, so Rafael Grossi. Er hofft, dieses Ziel bald durch diplomatische Verhandlungen mit der Ukraine und Russland zu erreichen. Im Bericht heißt es:

“IAEO-Experten, die im ZNPP anwesend waren, berichteten dem Hauptsitz der Agentur, dass der Beschuss gestern gegen 17 Uhr Ortszeit in der Nähe der elektrischen Schaltanlage des AKW, einige hundert Meter vom Schulungszentrum der Anlage entfernt, stattfand, aber es gab keine Berichte über Schäden. Andere Explosionen waren weiter entfernt zu hören.

Heute um 8 Uhr morgens ereigneten sich zwei Explosionen in der Nähe eines Kanals, der Wasser aus einem Reservoir zum Kühlsystem der Anlage transportiert, ein wesentliches Element für die nukleare Sicherheit. Es gab keine Schäden an Anlagenstrukturen und -geräten, aber Fenster in der Turbinenhalle des Reaktorblocks 2 wurden zerbrochen, sagten die IAEO-Experten. Nach Angaben des leitenden ZNPP-Betriebspersonals ist die Ursache der Explosionen derzeit unklar und wird untersucht, fügten die Experten der Agentur hinzu.”

International Atomic Energy Agency (IAEA), Update 106 – IAEA Director General Statement on Situation in Ukraine, Wien, 27.9.2022, www.iaea.org/newscenter/pressreleases/update-106-iaea-director-general-statement-on-situation-in-ukraine.

21.9.2022

Unter Berufung auf Energoatom berichtet die Staatliche Nukleare Regulierungsbehörde der Ukraine, dass in der Nacht zum 21.9.2022 russisches Militär erneut das AKW Saporischschja (ZNPP) beschossen habe:

“Infolgedessen wurde die Kommunikationsanlage des Kraftwerksblocks Nr. 6 mit einer offenen Schaltanlage des ZNPP beschädigt. Der Blocktransformator und die Hilfstransformatoren des Kraftwerksblocks wurden abgeklemmt. Aufgrund des Stromausfalls wurden zwei Dieselgeneratoren der Sicherheitssysteme notgestartet, um den Betrieb der Kühlpumpen für den Kernbrennstoff sicherzustellen. […]

Es sei darauf hingewiesen, dass sich derzeit zwei IAEA-Inspektoren ständig im ZNPP aufhalten. Das russische Militär ignoriert diese Tatsache und beschießt weiterhin das ZNPP. Die russischen Besatzer missachten in eklatanter Weise die internationalen Institutionen und die internationalen Normen und Regeln.

Державна інспекція ядерного регулювання України, Не зважаючи на присутність інспекторів МАГАТЕ на ЗАЕС, росія продовжує ядерний тероризм [Staatliche Nukleare Regulierungsbehörde der Ukraine, Trotz der Anwesenheit von IAEO-Inspektoren bei ZNPP setzt Russland den nuklearen Terrorismus fort], Kiew, 21.9.2022, snriu.gov.ua/news/ne-zvazhayuchi-na-prisutnist-inspektoriv-magate-na-zaes-rosiya-prodovzhuye-yadernij-terorizm.

20.9.2022

Wie das russische Medienportal RIA Novosti (РИА Новости) berichtet, hat der Verwaltungsleiter der Region Saporischschja, Jewgenij Balitskij, eine Verordnung erlassen. Danach wird in der von Russland besetzten ukrainischen Region Saporischschja zwischen dem 23. und 27.9.2022 ein Referendum über den Beitritt zur Russischen Föderation stattfinden. In einer Videobotschaft sagte er dieser Quelle zufolge:

” ‘Jeder Einwohner der Region Saporischschja hat die Möglichkeit, seine Meinung zu äußern und seine Stimme für unsere gemeinsame Zukunft abzugeben. Und das ist sehr wichtig, denn die absolute Mehrheit der Einwohner unserer Region möchte an einem Referendum teilnehmen, um den Status unseres Heimatlandes zu bestimmen. Dies wird durch zahlreiche Daten aus öffentlichen Meinungsumfragen bestätigt. Dies ist der Wille der Bewohner der Region Saporischschja, und niemand hat das Recht, uns daran zu hindern, unser Recht auf Selbstbestimmung auszuüben’, sagte Balitsky in einer Videobotschaft, die auf seinem Telegram-Kanal veröffentlicht wurde.”

Anmerkung: Zur selben Zeit finden entsprechende Referenden in drei weiteren von Russland besetzten ukrainischen Regionen statt: in Donezk, Lugansk (nordöstlich der Region Saporischschja) und in der Region Cherzon (südwestlich davon). Ein Anschluss dieser Regionen an Russland (ähnlich der Krim 2014) würde die militärische Lage insofern verändern, als dass Moskau Angriffe auf diese Regionen und somit auch auf das AKW Saporischschja als eine Aggression gegen Russland interpretieren und entsprechen reagieren könnte (vgl. Beiträge hierzu im selben Medienportal, u.a.: ria.ru/20220920/agressiya-1818278024.html?in=t). Der Vorschlag der IAEA zur Entmilitarisierung des Gebiets um das AKW Saporischschja wäre kaum mehr zu realisieren.

РИА Новости, Балицкий: большинство жителей Запорожья хотят проголосовать на референдуме [RIA Novosti, Balitskij: Die Mehrheit der Einwohner von Saporischschja will in einem Referendum abstimmen], Moskau, 20.9.2022, ria.ru/20220920/referendum-1818206503.html.

20.9.2022

Das russische Medienportal RIA Novosti (РИА Новости) berichtet über die Beschädigung von Infrastruktur auf dem AKW-Gelände durch ukrainisches Militär, darunter das Kühlsystem. Unter Berufung auf den Pressedienst der Verwaltung von Enerhodar heißt es: 

“Unter anderem wurde das Kühlsystem beschädigt. Der Beschuss wurde Berichten zufolge mit hochexplosiven Splittergranaten durchgeführt. […] Die Verwaltung betonte zudem, dass die wahllosen Angriffe der Streitkräfte der Ukraine auf das AKW eine echte Bestätigung dafür sind, dass Kiew vor dem Hintergrund seiner eigenen Ohnmacht eine Politik des nuklearen Terrorismus verfolgt.

РИА Новости, Обстрел ЗАЭС со стороны ВСУ привел к повреждению системы охлаждения [RIA Novosti, Der Beschuss von ZNPP durch die Streitkräfte der Ukraine führte zu Schäden am Kühlsystem], Simferopol, 20.9.2022, ria.ru/20220920/zaes-1818253081.html.

19.9.2022

Der Generaldirektor der IAEA gab die Informationen von Energoatom über den Beschuss des AKW Südukraine (SUNPP, ukr. PAES) an die Weltöffentlichkeit weiter (s.u.) Nach kurzer Unterbrechung sei die Stromversorgung wiederhergestellt worden. 

Dagegen sei die Lage im AKW Saporischschja (ZNPP) nach wie vor angespannt. Die Stromversorgung aus dem nahe gelegenen Wärmekraftwerk sei aus noch ungeklärten Gründen abgeschaltet worden. Im Bericht der IAEA heißt es:

“Das ZNPP – dessen sechs Reaktoren sich derzeit in einem kalten Abschaltzustand befinden – erhält immer noch den Strom, den es für wesentliche Sicherheitsfunktionen benötigt, aus einer 750 KV großen externen Stromleitung, die am Freitag wiederhergestellt wurde, aber es hat jetzt keinen Zugang zu Notstrom aus dem Netz, sagten die IAEO-Experten.” 

Abschließend wird Generaldirektor Grossi mit den Worten zitiert: “Jede militärische Aktion, die die nukleare Sicherheit bedroht, ist inakzeptabel und muss sofort gestoppt werden.”

International Atomic Energy Agency (IAEA), Update 104 – IAEA Director General Statement on Situation in Ukraine, Wien, 19.9.2022, www.iaea.org/newscenter/pressreleases/update-104-iaea-director-general-statement-on-situation-in-ukraine.

19.9.2022

Das nationale Atomenergie-Unternehmen “Energoatom” berichtet über Raketenangriffe auf das AKW Südukraine (SUNPP, das etwa 250 km, nordwestlich des AKW Saporischschja (ZNPP) liegt: 

Heute, am 19. September 2022, um 00:20 Uhr, startete die russische Armee einen Raketenangriff auf das Industriegebiet des südukrainischen Kernkraftwerks [SUPNN oder ukr. PAES].

Eine gewaltige Explosion ereignete sich nur 300 m von den Reaktoren der PAES [en. SUPNN] entfernt. Die Druckwelle beschädigte die Gebäude des AKW, über 100 Fenster gingen zu Bruch. Eine der hydraulischen Einheiten des Kraftwerks Oleksandrivskaya, das Teil des südukrainischen Energiekomplexes ist, wurde abgeschaltet. Auch drei Hochspannungsleitungen wurden unterbrochen. […] Nuklearterrorakte der Raschisten [d.h. russischen Faschisten, siehe Anmerkung, S.R.] bedrohen die ganze Welt. Sie müssen sofort gestoppt werden, um eine neue Katastrophe zu verhindern!” 

Anmerkung zum ukrainischen Ausdruck “Рашистські терористи – Raschistische Terroristen“: Das Adjektiv “raschistisch” wie auch das Substantiv “Raschist” (vgl. im Artikel vom gordonua.com, 25.8.2022) sind ukrainische Wortschöpfungen. Die englische Ausgabe des oben zitierten Artikels übersetzt “raschistisch” mit “russisch” und gibt die sprachlichen Feinheiten nicht wieder. Das Adjektiv ist die verkürzte Variante des Ausdrucks “російські фашистські – russisch-faschistisch”. Er taucht erstmals zur Bezeichnung der russischen Separatisten in der Ostukraine auf. In der dortigen russischsprachigen Öffentlichkeit werden ukrainische Soldaten entsprechend als “ukrainische Faschisten – украинские фашисты” bezeichnet, vgl. tass.ru, 10.9.2022.

Енергоатом, Рашистські терористи обстріляли Південноукраїнську АЕС – ракета впала за 300 метрів від ядерних реакторів [Energoatom, Raschistische Terroristen feuerten auf das südukrainische AKW – die Rakete fiel 300 Meter von den Atomreaktoren entfernt], Kiew, 19.9.2022, www.energoatom.com.ua/o-1909221.html.

Die englische Übersetzung spricht von “Russian terrorists”, vgl. Erklärung links und die Quelle: www.energoatom.com.ua/app-eng/eng-1909221.html.

19.9.2022

Das deutsche Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) berichtet auf seiner Website über die Lage im AKW Saporischschja: 

“Angesichts der angespannten Situation am ukrainischen Kernkraftwerk Saporischschja verfolgt das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) die Lage vor Ort besonders intensiv. Im August und September war das Kraftwerk erneut und mehrfach Ziel von Angriffen. Allerdings gibt es keinerlei Hinweise darauf, dass radioaktive Stoffe ausgetreten sein könnten. […]

Das BfS sieht keine akute Gefahr einer Freisetzung von radioaktiven Stoffen in Saporischschja, teilt aber die Sorge der IAEA (International Atomic Energy Agency) um einen dauerhaft sicheren Betrieb des Kraftwerks.

Bundesamt für Strahlenschutz, Aktuelles, BfS verfolgt Lage am KKW Saporischschja, Salzgitter, 19.9.2022, www.bfs.de/SharedDocs/Kurzmeldungen/BfS/DE/2022/0225-ukraine.html.

17.9.2022

Das russische Medienportal RIA Novosti (РИА Новости) berichtet über einen erneuten Beschuss des AKW Saporischschja durch ukrainisches Militär. Das russische Verteidigungsministerium wird mit den Worten zitiert:

” ‘Das Kiewer Regime hat die Provokationen wieder aufgenommen, um die Gefahr einer von Menschen verursachten Katastrophe im Kernkraftwerk Saporischschja zu schaffen. Im Laufe des Tages wurden zwei Artilleriebeschüsse auf die Siedlung Datscha Volna und ein Umspannwerk in unmittelbarer Nähe des Kernkraftwerks registriert”, so das Ministerium.”

РИА Новости, В Минобороны рассказали о провокациях ВСУ у Запорожской АЭС [RIA Novosti, Das Verteidigungsministerium berichtete über Provokationen der Streitkräfte der Ukraine im Kernkraftwerk Saporischschja], Moskau, 17.9.2022, ria.ru/20220917/zaes-1817524418.html?in=t.

17.9.2022

Der Generaldirektor der IAEA informierte darüber, dass tags zuvor die externe Stromversorgung des AKW Saproischschja wiederhergestellt worden sei: 

“Das ukrainische Kernkraftwerk Saporischschja (ZNPP) erhält erneut Strom direkt aus dem nationalen Netz, nachdem Ingenieure eine der vier wichtigsten externen Stromleitungen repariert haben, die alle während des Konflikts beschädigt wurden, erfuhr die Internationale Atomenergiebehörde (IAEO) heute vor Ort.

Die wiederhergestellte 750-Kilovolt-Leitung (kV) versorgt nun Europas größtes Kernkraftwerk – dessen letzter in Betrieb befindlicher Reaktor am 11. September abgeschaltet wurde – mit dem Strom, den es für die Reaktorkühlung und andere wesentliche Sicherheitsfunktionen benötigt. Nachdem das ZNPP vor zwei Wochen den Anschluss an dieselbe 750-kV-Leitung verloren hatte, verließ es sich zunächst auf Strom, der von der Anlage selbst erzeugt wurde, und dann auf Notstromleitungen, die es über die elektrische Schaltanlage eines nahe gelegenen Wärmekraftwerks mit dem Netz verbanden.

Mit der Wiederanbindung der Hauptleitung gestern Nachmittag werden die drei Notstromleitungen wieder in Reserve gehalten. Die drei anderen externen 750-kV-Hauptstromleitungen, die zuvor während des Konflikts verloren gegangen waren, bleiben inaktiv. Alle sechs Reaktoren des ZNPP befinden sich in einem kalten Abschaltzustand, benötigen jedoch immer noch Strom, um die erforderlichen Sicherheitsfunktionen aufrechtzuerhalten. Seit dem 5. September liefert die Anlage keinen Strom mehr an Haushalte, Fabriken und andere, die für ihre Bedürfnisse darauf angewiesen sind.”

International Atomic Energy Agency (IAEA), Update 103 – IAEA Director General Statement on Situation in Ukraine, Wien, 17.9.2022, www.iaea.org/newscenter/pressreleases/update-103-iaea-director-general-statement-on-situation-in-ukraine:

16.9.2022

Das nationale Atomenergie-Unternehmen “Energoatom” informiert darüber, dass ein Konvoi von 25 Lastwagen mit Ersatzteilen und zusätzlichen Kraftstoffreserven das AKW Saporischschja erreicht habe: 

“Das Unternehmen sicherte die Lieferung von wichtigen Ersatzteilen für die Reparatur beschädigter Stromleitungen und Kraftwerke des KKW Saporischschja, das weiterhin von den russischen Besatzern terrorisiert wird. […] Trotz der Gefahr und der Schwierigkeiten wurde die Ladung von den Fahrern von Energoatom geliefert, unter anderem aus den AKWs Chmelnyzkyj und Riwne.” 

Енергоатом забезпечив ЗАЕС найнеобхіднішими запчастинами, матеріалами та дизельним пальним [Energoatom versorgte das ZNPP mit den nötigsten Ersatzteilen, Materialien und Dieselkraftstoff], Kiew, 16.9.2022, www.energoatom.com.ua/o-1609224.html.

15.9.2022

Die 35 Mitgliedstaaten im Gouverneursrat der IAEA verabschiedeten eine  Resolution, in der Russland aufgefordert wird, sich aus dem AKW vollständig zurückzuziehen. Darüber hinaus wird allein Moskau für die militärischen Angriffe auf das AKW verantwortlich gemacht. In der Resolution heißt es laut Bericht der World Nuclear News: Der Gouverneursrat

“bedauert” Russlands “anhaltende gewalttätige Aktionen gegen Atomanlagen in der Ukraine” und “fordert” Russland auf, “unverzüglich alle Aktionen gegen und gegen das Kernkraftwerk Saporischschja und jede andere Atomanlage in der Ukraine einzustellen, damit die zuständigen ukrainischen Behörden die volle Kontrolle über alle Kernanlagen innerhalb der international anerkannten Grenzen der Ukraine wiedererlangen können”.

Laut diesem Pressebericht haben Russland und China gegen die Resolution gestimmt. Enthalten haben sich Ägypten, Südafrika, Senegal, Burundi, Vietnam, Indien und Pakistan, 26 Staaten stimmten für die Resolution: Argentinien, Australien, Österreich, Brasilien, Kanada,  Kolumbien, Tschechien, Finnland, Frankreich, Deutschland, Guatemala, Irland, Japan, die Republik Korea, Libyen, Malaysia, Mexiko, Neuseeland, Peru, Polen, Slowenien, Spanien, die Schweiz, die Vereinigten Arabischen Emirate, das Vereinigte Königreich und die USA.

IAEA board calls for Russia to hand over control of Zaporizhzhia, World Nuclear News, 16.9.2022, world-nuclear-news.org/Articles/IAEA-board-calls-for-Russia-to-hand-over-control-o.

14.9.2022

Professor Dr. Clemens Walther, Leiter des Instituts für Radioökologie und Strahlenschutz, Universität Hannover gibt Sabine Priess vom Radio Berlin-Brandenburg ein Interview. Darin nannte er vier mögliche Szenarien für einen Reaktorunfall, die er aber alle für unwahrscheindlich hält:

“Eskalationsstufe drei wäre, dass die Reaktoren selbst nicht mehr gekühlt werden. […] Wenn also Stromversorgung nicht mehr da ist, muss man den Strom für die Kühlmittelpumpen woanders herkriegen. Also durch Notstromaggregate oder Notstrom von außen. Fällt beides aus, könnten die Reaktoren – auch wenn sie abgeschaltet sind – überhitzen. Dann könnte es zur Schädigung der Brennelemente bis hin zur Kernschmelze kommen. […] Wem da jetzt Tschernobyl und die Ausbreitung bis Deutschland einfällt, der geht einen Schritt zu weit. Denn eine Kernschmelze bedeutet bei modernen Reaktoren noch nicht, dass unbedingt eine Austragung von Radioaktivität stattfindet. Der Sicherheitsstandard des ukrainischen Kraftwerks ist in etwa vergleichbar mit denen europäischer Druckwasserreaktoren.

Eskalationsstufe vier wäre ein direkter Treffer und die Beschädigung aller Hüllen des Reaktors. Man muss sich den wie eine Zwiebel vorstellen. Wer den Reaktor beschädigen will, müsste alle Hüllen gleichzeitig durchschlagen. Streifschüsse oder einzelne Granaten würden diese Hüllen aber sicherlich aushalten. Dieses Szenario, bei dem Radioaktivität quasi unterm freien Himmel wäre, ist höchst unwahrscheinlich. […]

Außerdem muss man sich ja fragen, wer überhaupt ein Interesse daran haben könnte. Wer sollte darin einen Vorteil sehen, den Reaktor gezielt zu zerstören?”

Vgl. dagegen die Prognose über eine mögliche radioaktive Verstrahlung des Gebiets im Umkreis des AKW und die Warnungen an die Bevölkerung. Diese wurden von der Staatliche Nukleare Aufsichtsbehörde der Ukraine am 28.8.2022 veröffentlicht (s.o.), Quelle: snriu.gov.ua/news/prognozuvannya-naslidkiv-potencijnoyi-avariyi-dlya-energobloku-vver-1000-na-zaporizkij-aes.

Nuklearexperte hält zweites Tschernobyl für “höchst unwahrscheinlich”, Radio Berlin-Brandenburg, 14.9.2022, www.rbb24.de/panorama/beitrag/2022/09/akw-ukraine-radioaktivitaet-austritt-saporischschja-berlin-brandenburg.html.

12.9.2022

Der Vorsitzende der Staatlichen Nuklearen Regulierungsbehörde der Ukraine erklärt die Rolle der Stromversorgung des AKW Saporischschja. Es sei sehr wichtig, die externe Stromversorgung des AKW aufrechtzuerhalten, nachdem tags zuvor der letzte Block 6 heruntergefahren wurde und das AKW deshalb keine eigene Stromquelle mehr hat. Ohne externe Stromleitung ist die Abkühlung der abgeschalteten Blöcke gefährdet. Die Behörde unterstellte den russischen Besatzern des AKW, diese Versorgungsleitung durch Beschuss zu gefährden:

“Wenn die Eindringlinge heute die einzige funktionierende Leitung beschädigen, muss elektrischer Strom von Dieselgeneratoren erzeugt werden. Allerdings ist die Treibstoffreserve zur Sicherstellung ihrer Arbeit begrenzt – ausgelegt auf 10 Tage.

‘Jetzt ist es sehr problematisch, eine neue Menge Dieselkraftstoff in das unkontrollierte Gebiet zu bringen. Bei Stromausfall und dem Ende der Dieselvorräte ist sogar ein schwerer Unfall möglich. Wir sprechen über das Schmelzen von Kernbrennstoff mit der möglichen Freisetzung radioaktiver Produkte in die Atmosphäre, deren Volumen mit Fukushima und Tschernobyl verglichen werden kann’, sagte Oleg Korikov.”

Державна інспекція ядерного регулювання України, За умови переведення енергоблоків ЗАЕС у «холодний зупин», важливо зберегти з’єднання станції із енергосистемою України – в.о. Голови Держатомрегулювання [Staatliche Nukleare Regulierungsbehörde der Ukraine, Unter der Voraussetzung, dass ZNPP-Kraftwerke in einen “Cold Stop” überführt werden, ist es wichtig, die Verbindung der Station mit dem Stromnetz der Ukraine aufrechtzuerhalten – amtierender SNRIU-Vorsitzender], Kiew, 12.9.2022, snriu.gov.ua/news/za-umovi-perevedennya-energoblokiv-zaes-u-holodnij-zupin-vazhlivo-zberegti-zyednannya-stanciyi-iz-energosistemoyu-ukrayini-vo-golovi-derzhatomregulyuvannya.

11.9.2022

Das nationale Atomenergie-Unternehmen “Energoatom” [NAEK, Національна атомна енергогенеруюча компанія (НАЕК) “Енергоатом”] gibt die vollständige Abschaltung des AKW Saporischschja bekannt.

Energoatom stellt sich auf seiner Website wie folgt vor:

“Das Unternehmen ist der Betreiber von vier Kernkraftwerken – Saporischschja, Riwne, Südukraine und Chmelnitsky, die 15 Kernreaktoren (13 WWER-1000-Reaktore und zwei – WWER-440) mit einer installierten Gesamtleistung von 13.835 MW) betreiben. Das Unternehmen umfasst auch die Tashlyk PSP (453 MW), Oleksandrivska HPP (25 MW) und das Zentrallager für abgebrannter Kernbrennstoffe in der Tschernobyl-Zone.”

Енергоатом, Запорізька АЕС повністю зупинена, Новини [Energoatom, AKW Saporischschja wird vollständig abgeschaltet, Nachrichten], Kiew, 11.9.2022, www.energoatom.com.ua/o-1109221.html.

Енергоатом, Про ДП «НАЕК «Енергоатом» [Über das Staatsunternehmen NAEK Energoatom], Kiew 2022, www.energoatom.com.ua/mission.html.

8.9.2022

Auch zwei Experten des Wochenmagazins Der Spiegel, Tjade Brinkmann und Alexander Sarovic, beziehen sich auf den Bericht der IAEA. Sie bestätigen die aktuelle Gefahr, relativieren diese aber mit dem Hinweis auf das bestehende Sicherheitssystem: “Die IAEA hat ihren Bericht zu dem Kernkraftwerk vorgestellt – und gibt sich »schwer besorgt«. Fachleute teilen die Einschätzung, sehen akut aber keine Gefahr. Das liegt auch an den doppelten Sicherheitssystemen.” 

Vgl. dagegen den Bericht der verantwortlichen Nuklearen Regulierungsbehörde aus Kiew vom 12.9.2022.

Umkämpftes Atomkraftwerk.
Wie groß ist die Gefahr für einen nuklearen Unfall in Saporischschja?, Der Spiegel, 8.9.2022, www.spiegel.de/wissenschaft/saporischschja-nach-iaea-bericht-wie-gross-ist-die-gefahr-fuer-einen-nuklearen-unfall-a-55714f47-9563-463b-9c9d-100b997c621f

7.9.2022

Wie das russische Nachrichtenportal  INTERFAX.RU berichtet, hat der russische Außenminister Sergej Lawrow die IAEA um eine Klarstellung zu ihrem Bericht vom 5.9.2022 über die aktuelle Situation im Kernkraftwerk Saporischschja gebeten er wird in folgenden Textpassagen zitiert: 

” ‘Hier besteht weiterer Klärungsbedarf, denn der Bericht enthält eine Reihe von Fragen. Ich werde sie jetzt nicht aufzählen, aber wir haben den Generaldirektor der IAEO um diese Klarstellungen gebeten’, sagte er gegenüber Interfax am Rande des WEF in Wladiwostok und kommentierte den Bericht der IAEO über die Situation im Kernkraftwerk ZNPP.

Zuvor hatte der russische Botschafter im UN-Sicherheitsrat, Vasili Nebenzya, bedauert, dass der IAEO-Bericht die Quelle des Beschusses des KKW nicht benennt.

‘Wir bedauern, dass Ihr Bericht über die Umsetzung der IAEO-Sicherungsmaßnahmen in der Ukraine für den Zeitraum von April bis September dieses Jahres, der erst vor wenigen Stunden erschienen ist, die Quelle des Beschusses nicht direkt benennt’, sagte Nebenzia am Dienstag vor dem UN-Sicherheitsrat. – Wir haben Verständnis für Ihre Position als Leiter der internationalen Aufsichtsbehörde, aber in der gegenwärtigen Situation ist es wichtig, die Dinge beim Namen zu nennen.”

Москва запросила у Гросси пояснения по докладу МАГАТЭ о Запорожской АЭС [Moskau bittet Grossi um Klarstellungen zum IAEO-Bericht über das AKW Saporischschja], Interfax, 7.9.2022, www.interfax.ru/world/861012

7.9.2022

In der Wirtschaftswoche und anderen Medien beurteilen Sicherheitsexperten die Lage im AWE völlig anders: Nach Einschätzung von Sebastian Stransky könne kein zweites Tschernobyl geben, weil das AKW Saporischschja durch 1,5 m dicke Beton-Schichten selbst vor dem Absturz eines Kampfflugzeugs gesichert sei:

Lassen Sie es mich ganz deutlich sagen: Ein zweites Tschernobyl wird es mit einem Kraftwerk wie Saporischschja nicht geben. […] Saporischschja ist, wie gesagt, ein Druckwasserreaktor. Dort erfolgen die Steuerung und Kühlung über mehrfach abgesicherte Wasserkreisläufe. Tschernobyl war ein Reaktor mit sogenannten graphitmoderierten Druckröhren. Das dabei genutzte Graphit brennt, wenn es einmal entzündet ist, wie Höllenfeuer und ist fast nicht zu löschen.

Ukrainisches AKW. “Ein zweites Tschernobyl wird es mit Saporischschja nicht geben“, Wirtschaftswoche, 7.9.2022, www.wiwo.de/technologie/umwelt/ukrainisches-akw-ein-zweites-tschernobyl-wird-es-mit-saporischschja-nicht-geben/28663272.html 

6.9.2022

Der Generaldirektor der IAEA, Rafael Grossi sprach vor dem UN-Sicherheitsrat ausführlich über sieben Sicherheitspfeiler im AKW Saporischschja:

“Der erste wichtige Sicherheitspfeiler jeder kerntechnischen Anlage besteht darin, ihre physische Sicherheit nicht zu verletzen. […] Die zweite wichtige Säule besagt, dass alle Sicherheits- und Sicherungssysteme und Ausrüstungen normal und ungestört arbeiten und voll funktionsfähig sein müssen. . […] Die dritte Säule besagt, dass die Mitglieder des Bedienungspersonals in der Lage sein müssen, ihre Aufgaben ohne unnötigen Druck oder schwierige Umstände zu erfüllen. […]
Die vierte Säule bezieht sich auf die Energieversorgung außerhalb des Betriebsgeländes. Auch darauf habe ich in der Vergangenheit hingewiesen, und wie jeder weiß, ist dies von entscheidender Bedeutung, da ein Kernkraftwerk ohne externe Stromversorgung entscheidende Funktionen verlieren kann, einschließlich der Kühlung seiner Reaktoren und abgebrannten Brennelemente. Ohne dies könnte es zu einem sehr schweren nuklearen Unfall kommen. Im Hinblick auf diese Säule empfiehlt die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO), die Redundanz der externen Stromversorgungsleitungen wiederherzustellen und jederzeit verfügbar zu machen. Damit dies möglich ist, müssen alle militärischen Aktivitäten, die die Stromversorgungssysteme beeinträchtigen könnten, sofort eingestellt werden. […] Die fünfte Säule besagt, dass es ununterbrochene logistische Versorgungsketten und Transporte zum und vom Standort geben muss. […] Die sechste Säule bezieht sich auf das Funktionieren der Strahlungsüberwachungssysteme, um die Lage zu ermitteln und festzustellen, ob Strahlung in der Atmosphäre vorhanden ist. […] Die siebte und letzte Säule besagt, dass eine kontinuierliche und zuverlässige Kommunikation mit der ukrainischen Aufsichtsbehörde und anderen Stellen gewährleistet sein muss.”

United Nations, Security Council
Seventy-seventh year, 9114th meeting, S/PV.9124, 6,9.2022, New York, digitallibrary.un.org/record/3986612?ln=en.

6.9.2022

Im Zweiten Deutschen Fernsehen, wird eine Expertin zur Lage im AKW Saporischschja interviewt. Veronika Wendland berichtet, dass infolge der militärischen Auseinandersetzungen die gesamte Anlage von der ukrainischen Energieversorgung getrennt sei. Bisher hätte noch das Reservenetz funktioniert, wodurch sich das AKW selbst mit Strom versorgt habe. Dabei ginge es nicht zuletzt um die Sicherheit der heruntergefahrenen Reaktorblöcke. Nun drohe ein Zusammenbruch diese Selbstversorgung:

Der Worst Case wäre wie in Fukushima: Damals ist Tsunami-bedingt die Notstromversorgung zusammengebrochen, als die Schaltanlagen und Notstrom-Aggregate überflutet wurden. Diese Angst steht natürlich auch im Raum für den Fall, dass Saporischschja auf Notstromdiesel angewiesen ist – und dann womöglich nach einigen Tagen die Treibstoffvorräte ausgehen oder Dieselaggregate ausfallen.

Expertin zu AKW Saporischschja: “Worst Case wäre wie in Fukushima”, ZDF, 6.9.2022,  www.zdf.de/nachrichten/politik/akw-saporischschja-sicherheit-ukraine-krieg-russland-100.html.

5.9.2022

Aus dem Bericht der IAEA zur Lage im AKW Saproischschja nach dem Besuch des IAEA-Generalsdirektors Rafael Grossi am 1.9.2022: 

163. Die Situation in der Ukraine ist beispiellos. Es ist das erste Mal, dass ein militärischer Konflikt inmitten der Anlagen eines großen, etablierten Kernkraftprogramms stattfindet. Ein nuklearer Unfall kann schwerwiegende Auswirkungen innerhalb des Landes und über seine Grenzen hinaus haben, und die internationale Gemeinschaft verlässt sich darauf, dass die IAEO eine strenge Bewertung der Situation vornimmt und sie mit genauen und rechtzeitigen Informationen auf dem Laufenden hält.”

International Atomic Energy Agency (IAEA), Safety and Security of Nuclear Facilities in Ukraine, 28.4.-5.9.2022, www.iaea.org/sites/default/files/22/09/ukraine-2ndsummaryreport_sept2022.pdf 

5.9.2022

In einem neuen Lagebericht der IAEA (Update 98) heißt es:

“Die Ukraine teilte der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) mit, dass eine Notstromleitung zwischen dem Kernkraftwerk Saporischschja (ZNPP) und einem nahe gelegenen Wärmekraftwerk heute absichtlich abgeschaltet wurde, um ein Feuer zu löschen, aber die Leitung selbst wurde nicht beschädigt. Das ZNPP erhält weiterhin den Strom, den es für die Sicherheit benötigt, aus seinem einzigen in Betrieb befindlichen Reaktor.

Nachdem der Anschluss des ZNPP an die letzte verbliebene betriebsbereite 750-Kilovolt-Leitung (kV) am späten Freitag unterbrochen wurde, wurde die 330-kV-Reserveleitung genutzt, um Strom aus dem ZNPP ins Netz zu leiten. Die Ukraine teilte der IAEA mit, dass diese Back-up-Linie wieder angeschlossen wird, sobald das Feuer gelöscht ist.

Einer der sechs Reaktoren des ZNPP produziert weiterhin den Strom, den die Anlage für die Kühlung und andere nukleare Sicherheitsfunktionen benötigt. Der Reaktor wird ans Netz angeschlossen, wenn die 330-kV-Leitung wieder eingeschaltet wird. […]

Im vergangenen Monat gab es zahlreiche Beschussvorfälle in oder in der Nähe des ZNPP, die Schäden an der Anlage verursachten und weit verbreitete Besorgnis über das Risiko eines schweren nuklearen Unfalls auslösten, der die menschliche Gesundheit und die Umwelt gefährden könnte. Der Beschuss des ZNPP am 1. September beschädigte einen Öltank, der Turbinenschmieröl enthielt, und heute wurde erneut beschossen.”

International Atomic Energy Agency (IAEA), Update 98 – IAEA Director General Statement on Situation in Ukraine, Wien, 5.8.2022, www.iaea.org/newscenter/pressreleases/update-98-iaea-director-general-statement-on-situation-in-ukraine.

31.8.2022

Der ukrainische Energieminister, German Galushchenko, gab einen Tag vor dem Besuch des IAEA-Generalsdirektors Rafael Grossi am 1.9.2022 bekannt, dass Kiew seinen Empfehlungen nur folgen werde, wenn es wieder die vollständige Kontrolle über das AKW habe. Er forderte den Abzug des russischen Militärs und die Einrichtung einer entmilitarisiertne Zone um das AKW:

“German Galushchenko betonte, dass ZNPP ein ukrainisches Kernkraftwerk ist und nur die Ukraine in der Lage ist, die Erfüllung aller Komponenten der Betriebssicherheit zu garantieren. Daher werden die Schlussfolgerungen und Empfehlungen, die auf den Ergebnissen der Arbeit der Mission basieren, umgesetzt werden, wenn die Ukraine wieder die volle Kontrolle über das AKW erlangt.”

Міністерство енергетики Украіни, Рекомендації місії МАГАТЕ будуть імплементовані при повернені ЗАЕС під контроль України – Герман Галущенко [Das Energieministerium der Ukraine, die Empfehlungen der IAEO-Mission werden nach der Rückkehr des ZNPP unter die Kontrolle der Ukraine umgesetzt – Herman Galushchenko], Kiew, 31.8.2022, mev.gov.ua/novyna/rekomendatsiyi-misiyi-mahate-budut-implementovani-pry-poverneni-zaes-pid-kontrol-ukrayiny.

28.8.2022

Das ukrainische Energieunternehmen Energoatom veröffentlichte eine Karte auf der Basis von Wetterprognosen. Sie kennzeichnet jene Gebiete, die durch einen Reaktorunfall verstrahlt werden könnten. Danach drohe einem Teil der Südukraine, der Krim und südwestlichen Regionen Russlands eine radioaktive Kontamination. Die Nachrichtenagentur Nationale Nachrichten der Ukraine (UNN) rät:

“Der Bevölkerung in potenziell gefährdeten Gebieten wird empfohlen, sich einer Jodprophylaxe zu unterziehen, unnötige Aufenthalte im Freien zu begrenzen und bei akutem Bedarf Atemschutzgeräte zu verwenden.

Außerdem wird empfohlen, Räume abzudichten (Fenster, Türen), Klimaanlagen und Ventilatoren auszuschalten, Lüftungsöffnungen, Schornsteine usw. zu schließen, spezielle Betriebsmodi für Schulen und Kindergärten einzuführen und sanitäre Barrieren an den Eingängen zu den Räumlichkeiten zu errichten, wozu auch das Ausziehen der Oberbekleidung und das Wechseln der Schuhe gehört.

Darüber hinaus wird empfohlen, in potenziell gefährlichen Gebieten Maßnahmen zu ergreifen, um Lebensmittel, Wasser, Bettwäsche, Dokumente und Wertsachen zu versiegeln und zu verpacken, […].”

Украинские Национальные Новости, Радиационное облако накроет часть россии: Энергоатом о возможных последствиях аварии на ЗАЭС [Nationale Nachrichten der Ukraine, Strahlungswolke bedeckt einen Teil Russlands: Energoatom über mögliche Folgen eines Unfalls im ZNPP], Kiew, 28.8.2022, www.unn.com.ua/ru/news/1991926-radiatsiyna-khmara-nakriye-chastinu-rosiyi-energoatom-pro-mozhlivi-naslidki-avariyi-na-zaes.

Енергоатом, https://t.me/energoatom_ua/9248.

Quelle dort: Державна інспекція ядерного регулювання України, Прогнозування наслідків потенційної аварії для енергоблоку ВВЕР-1000 на Запорізькій АЕС [Staatliche Nukleare Aufsichtsbehörde der Ukraine, Vorhersage der Folgen eines möglichen Unfalls im WWER-1000-Block des Kernkraftwerks Saporischschja], 28.8.2022, Kiew, snriu.gov.ua/news/prognozuvannya-naslidkiv-potencijnoyi-avariyi-dlya-energobloku-vver-1000-na-zaporizkij-aes

28.8.2022

Diese Meldung griff ein israelisches Nachrichtenportal auf und zitierte darüber hinaus die unterschiedlichen Standpunkte beider Seiten: 

“Das russische Verteidigungsministerium erklärt: ‘Das Kiewer Regime setzt seine Provokationen fort, um die Gefahr einer von Menschen verursachten nuklearen Katastrophe im Kernkraftwerk Saporischschja zu schaffen. Am vergangenen Tag wurden zwei Beschuss durch Artillerieeinheiten der Streitkräfte der Ukraine auf das Territorium des Kernkraftwerks aufgezeichnet.’ […] Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba sagte: ‘Seit Jahrzehnten ist die nukleare Sicherheit die oberste Priorität der Ukraine, insbesondere angesichts unserer tragischen Vergangenheit. Russische Invasoren haben das Kernkraftwerk Saporischschja in eine Militärbasis verwandelt, die den gesamten Kontinent gefährdet.’ ” 

“Энергоатом” опубликовал карту радиационного загрязнения в случае аварии на Запорожской АЭС: угроза южным регионам России и Украины, включая Крым [“Energoatom” veröffentlicht Karte der Strahlenkontamination im Falle eines Unfalls in Saporischschja: Bedrohung der südlichen Regionen Russlands und der Ukraine, einschließlich der Krim], 28.8.2022, www.newsru.co.il/world/28aug2022/zaes_121.html.

26.8.2022

Die Staatliche Nukleare Regulierungsbehörde der Ukraine stellt die Lage anders dar. Sie behauptet, dass die Granaten auf das AKW vom russischen Militär abgeschossen wurden. 

“Erinnern wir uns daran, dass gestern infolge des Beschusses durch russische Truppen alle Stromleitungen, die ZNPP mit dem Stromnetz der Ukraine verbinden, beschädigt wurden.

Die Aggregate Nr. 5 und Nr. 6 wurden durch Notschutzsysteme gestoppt.

Darüber hinaus wurden infolge des Aufpralls der Granaten der Eindringlinge auf die Überführung, die Block 2 des AKW mit einem speziellen Gebäude für die Entsorgung und Dekontamination radioaktiver Abfälle verbindet, die Rohrleitungen mit Netzwasser und chemisch entsalztem Wasser, die durch die Überführung führen, beschädigt.”

Die ukrainische Behörde behauptet demnach, dass Russland das unter seiner militärischen Kontrolle befindliche AKW beschossen habe und dafür verantwortlich sei, dass es vom ukrainischen Energienetz getrennt wurde. 

Державна інспекція ядерного регулювання України, Ситуація на Запорізькій АЕС (станом на 8:00 26 серпня 2022 року) [Staatliche Nukleare Regulierungsbehörde der Ukraine, Situation im KKW Saporischschja (Stand: 26. August 2022, 8:00 Uhr)], Kiew, 26.8.2022, snriu.gov.ua/news/situaciya-na-zaporizkij-aes-stanom-na-800-26-serpnya-2022-roku

26.8.2022

Das obige Bild schickte der UN-Vertreter der Russischen Föderation, Vassily Nebenzia als Anlage seines Brief an den UN-Sicherheitsrat. Darin berichtete er über neue Schäden am AKW durch den Granatenbeschuss des ukrainischen Militärs. Eine Granate hätte Rohrleitungen mit Kühlwasser zwischen Block 2 und 3 beschädigt. Weitere Einschläge hätte es beim Wachhaus, der Schweißanlage und in der Nähe der Sauerstoff-Stickstoff-Station gegeben. Dabei wurden Kommunikationsleitungen ebenso beschädigt wie das Lager für frischen Kernbrennstoff. 

United Nations, General Assembly Security Council, A/76/933-S/2022/648, Letter dated 26 August 2022 from the Permanent Representative of the Russian Federation to the United Nations addressed to the Secretary-General and the President of the Security Council, digitallibrary.un.org/record/3986839?ln=en.

24.8.2022

Der Generaldirektor des russischen Staatsunternehmens Rosatom, A.E. Likhachev, traf sich mit dem Generaldirektor der IAEA, R. Grossi, in Istanbul. Wie Rosatom auf seiner Website berichtet, ging es der russischen Seite um die Sicherheit der beiden AKWs  Saporischschja in der Ukraine, das seit Anfang März unter russischer Kontrolle seht und das AKW Kursk in Westrussland, angrenzend an den Norosten der Ukraine:

“Auf russischer Seite wurde der Schwerpunkt auf die vorrangigen Aufgaben gelegt, die Sicherheit der Kernanlagen in Russland und der Ukraine angesichts des unaufhörlichen Beschusses des AKW Saporischschja durch ukrainische bewaffnete Gruppen und der Sabotageaktionen gegen das AKW Kursk zu gewährleisten.

Rosatom stellt sich auf seiner Website wie folgt vor:

“Das Staatsunternehmen Rosatom ist ein nationaler Marktführer in der Stromerzeugung (ca. 20% der Gesamtleistung) und steht weltweit an erster Stelle in Bezug auf das größte Portfolio an Aufträgen für den Bau von Kernkraftwerken: 34 Kraftwerke in 11 Ländern befinden sich in unterschiedlichen Phasen der Umsetzung. Rosatom ist das einzige Unternehmen der Welt, das über Kompetenzen in der gesamten technologischen Kette des Kernbrennstoffkreislaufs verfügt, von der Gewinnung von Natur-Uran bis zur Endphase des Lebenszyklus kerntechnischer Anlagen.”

Росатом, Глава Росатома А.Е. Лихачев встретился в Стамбуле с генеральным директором МАГАТЭ Р. Гросси [Rosatom, Rosatom-Chef A.E. Likhachev traf sich in Istanbul mit IAEO-Generaldirektor R. Grossi], Moskau, 24.8.2022,  rosatom.ru/journalist/news/glava-rosatoma-a-e-likhachev-vstretilsya-v-stambule-s-generalnym-direktorom-magate-r-grossi/?sphrase_id=3293336.

 

23.8.2022

Auf der Sitzung des UN-Sicherheitsrats kam es zu einer Aussprache über die Rolle der IAEA bei der Überwachung der Sicherheitslage im AKW Saporischschja. Das Sitzungsprotokoll stellt klar, dass Alle Maßnahmen der UN bzw. der IAEA das Einverständnis der Ukraine und der Russischen Föderation voraussetzen.

Der UN-Vertreter der Russischen Föderation, Vassily Nebenzia, dementierte westliche und ukrainische Medienberichte, wonach Russland auf dem Gelände des AKW für Waffen stationiert habe: 

“Entgegen den falschen Behauptungen des Kiewer Regimes und seiner Hintermänner lagert Russland keine schweren Waffen auf dem Gelände des Kernkraftwerks Saporischschja und nutzt die Anlage nicht für militärische Zwecke. Das russische Verteidigungsministerium ist bereit, der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) hochauflösende Bilder zur Verfügung zu stellen, die zeigen, dass dort keine Waffen, geschweige denn schwere Waffen, dort platziert wurden.”

Der UN-Vertreter der Ukraine, Mr. Kyslytsya erhielt das Schlusswort:

“Ich möchte noch einmal betonen, dass die derzeitige Situation deutlich macht dass das Einzige, was letztlich die nukleare Bedrohung durch die illegale russische Präsenz im AKW beseitigen kann, ist der Abzug der russischen Waffen und Truppen und die Rückgabe des AKWs an die rechtmäßige Kontrolle der Ukraine. Die Ukraine schätzt die Bemühungen der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) und der Vereinten Nationen, die Sicherheit aller ukrainischen Atomanlagen vor dem Hintergrund der russischen Invasion zu gewährleisten.”

United Nations, Security Council
Seventy-seventh year, 9114th meeting, S/PV.9114, 23,8.2022, New York, digitallibrary.un.org/record/3985385?ln=en.

 

18.8.2022

Der UN-Vertreter der Russischen Föderation, Vassily Nebenzia, wendet sich in einem Brief an den UN-Sicherheitsrat. Darin schildert er die Lage im vom Russland besetzten AKW Saporischschja. Er behauptet, dass seit dem 18.7.2022 bewaffnete ukrainische Kräfte versuchen, das AKW mit Mehrfachraketenwerfern, Kleinwaffenartillerie und Drohnen zurückzuerobern. Innerhalb des zurückliegenden Monats hätte es 12 Angriffe mit ca. 50 Artillerieexplosionen und fünf Kamikaze-Drohnen gegeben:

“Der Beschuss führte zu Schäden an den Hilfssystemen des Kraftwerks und an lebenswichtigen Einrichtungen der Stadt Energodar. Das Verteidigungsministerium ist der Ansicht, dass die Ukraine und ihre Auftraggeber in den Vereinigten Staaten versuchen, eine ihrer Ansicht nach geringfügige Panne im Kernkraftwerk zu verursachen, die den normalen und sicheren Betrieb stört, und Russland die Schuld dafür geben.”

United Nations, General Assembly Security Council, A/76/924-S/2022/633, Letter dated 18 August 2022 from the Permanent Representative of the Russian Federation to the United Nations addressed to the Secretary-General and the President of the Security Council, digitallibrary.un.org/record/3985324?ln=en

9.3.2022

Der Diplomatische Dienst der EU gab auf einer Sitzung des Gouverneursrats der IAEA in Wien am 9.3.2022 eine Erklärung ab, in der sie die Militäroperation Russlands und die Besetzung der ukrainischen AKWs als eine “ungerechtfertigte militärische Aggression” verurteilte. Ohne Prüfung der Lage vor Ort, bekräftigte der EU-Vertreter “ihre unerschütterliche Unterstützung für die Unabhängigkeit, Souveränität und territoriale Unversehrtheit der Ukraine innerhalb ihrer international anerkannten Grenzen. Wir werden fest an der Seite der Ukraine stehen.” Zu den Vorwürfen Moskaus, die Ukraine verstoße mit ihrer Forschung an Atomwaffen gegen den Atomwaffensperrvertrag, bezog er keine Stellung. Rückblickend ist besonders eine Passage wichtig:

Wir müssen alles in unserer Macht Stehende tun, um einen nuklearen Unfall, Zwischenfall oder einen anderen radiologischen Notfall zu verhindern, der die lokale Bevölkerung, die Nachbarländer und die internationale Gemeinschaft ernsthaft beeinträchtigen könnte. Es ist an der Zeit zu handeln, um ein solches Szenario zu vermeiden. […] Die EU ist bereit, jede Unterstützung zu leisten, die der Generaldirektor benötigt, um dieses Ziel zu erreichen.”

The Diplomatic Service of the European Union, EU Statement on safety, security and safeguards implications of the situation in Ukraine as delivered at the International Atomic Energy Agency (IAEA) Board of Governors on 9 March 2022 [Der diplomatische Dienst der Europäischen Union, Erklärung der EU zu Sicherheit, Gefahrenabwehr und Sicherungsmaßnahmen zu den Auswirkungen der Lage in der Ukraine, wie sie am 9. März 2022 im Gouverneursrat der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) abgegeben wurde], Wien,  www.eeas.europa.eu/eeas/eu-statement-safety-security-and-safeguards-implications-situation-ukraine-delivered_en

4.3.2022

Der Präsident von Energoatom, Petro Kotin, sagte in ukrainischen Fernsehsendern, dass nur noch einer von sechs Reaktorblöcken in Betrieb sei, jedoch enthielten alle Reaktoren gefährlich Kernbrennstoffe, die durch Granaten beschädigt werden könnten. Er berichtete von einem Widerstand gegen die russische Besetzung des AKWs Saporischschja. Durch gezielten Beschuss wurden das Wissenschafts- und Ausbildungszentrum sowie das Verwaltungsgebäude getroffen, ein Gebäude des Trainingszentrums sowie ein Gerüstbau wurden zerstört. Um 4:30 h gaben die Ukrainer ihren Widerstand auf, die Verbindung mit Energoatom sei abgebrochen. Kotin wörtlich:

“Welche Bedrohung geht von dem aus, was wir haben? Sechs Reaktoren. In jedem von ihnen befindet sich Kraftstoff, eine volle Ladung. In drei Reaktorbecken befinden sich auch abgebrannte Brennelemente. In der Anlage gibt es auch eine getrennte Nukleareinheit, ein Trockenlager für abgebrannte Brennelemente, in dem sich derzeit 150 Behälter mit abgebrannten Brennelementen befinden. Ein Einschlag eines beliebigen Geschosses würde dort eine nukleare Katastrophe auslösen. Dies ist die größte Gefahr.”

На ЗАЭС работает один реактор, попадание снаряда приведет к ядерной катастрофе, Экономическая правда [Im ZNPP ist ein Reaktor in Betrieb, ein Granateneinschlag wird zu einer nuklearen Katastrophe führen, Ökonomische Wahrheit], Kiew, 4.3.2022,  www.epravda.com.ua/rus/news/2022/03/4/683226/.

1.3.2022

Vier Tage nach Beginn des Ukraine-Kriegs informierte Russland die Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) darüber, dass es die militärische Kontrolle über das Gebiet des AKW Saporischschja übernommen habe. Am selben Tag teilte die Ukraine der IAEA mit, dass ihre staatliche Nuklearaufsichtsbehörde (SNRIU) weiterhin über den Betrieb des AKWs wache.

Der Generaldirektor [der IAEA] hat wiederholt betont, dass jede militärische oder andere Aktion, die die Sicherheit der ukrainischen Kernkraftwerke gefährden könnte, vermieden werden muss. Er sagte auch, dass das Betriebspersonal in der Lage sein muss, seine Sicherheitspflichten zu erfüllen und die Fähigkeit zu haben, Entscheidungen ohne unangemessenen Druck zu treffen.

International Atomic Energy Agency (IAEA), Update 6 – IAEA Director General Statement on Situation in Ukraine, Wien, 2.3.2022, www.iaea.org/newscenter/pressreleases/update-6-iaea-director-general-statement-on-situation-in-ukraine.

1.3.2022

Vier Tage nach Beginn des Ukraine-Kriegs am 24.2.2022 informierte Russland die Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien darüber, dass es die militärische Kontrolle über das Gebiet des AKW Saporischschja übernommen habe. 

Am 1. März teilte die Ukraine der IAEO mit, dass alle ihre Kernkraftwerke unter der Kontrolle des nationalen Betreibers blieben. In einem Update heute Morgen sagte die staatliche Nuklearaufsichtsbehörde der Ukraine (SNRIU), dass sie die Kommunikation mit den Atomanlagen des Landes aufrechterhält und dass die Kernkraftwerke weiterhin normal funktionieren.

International Atomic Energy Agency (IAEA), Update 6 – IAEA Director General Statement on Situation in Ukraine, Wien, 2.3.2022, www.iaea.org/newscenter/pressreleases/update-6-iaea-director-general-statement-on-situation-in-ukraine.

24.2.2022

Bereits am ersten Tag des Ukraine-Kriegs informierte Kiew die IAEA darüber, dass bewaffnete Kräfte die Kontrolle über alle Einrichtungen des AKW Tschernobyl innerhalb der Sperrzone übernommen haben. Es hätte keine Opfer oder Zerstörungen gegeben. In einem Statement zur Situation in der Ukraine heißt es: 

Der Generaldirektor [der IAEA] betonte, dass die Generalkonferenz der IAEO – die jährliche Versammlung aller Mitgliedstaaten der Organisation – 2009 einen Beschluss gefasst hat, in dem es heißt: ‘Jeder bewaffnete Angriff auf und jede Bedrohung von Nuklearanlagen, die friedlichen Zwecken dienen, stellt einen Verstoß gegen die Grundsätze der Charta der Vereinten Nationen, des Völkerrechts und der Satzung der Organisation dar.’

International Atomic Energy Agency (IAEA), Update 6 – IAEA Director General Statement on Situation in Ukraine, Wien, 2.3.2022, www.iaea.org/newscenter/pressreleases/update-6-iaea-director-general-statement-on-situation-in-ukraine

IAEA General Conference, Decision GC(53)/DEC/13, 18.9.2009, www.iaea.org/sites/default/files/gc/gc53dec-13_en.pdf

GESCHICHTE DES AKW

▪BIS ZUR RUSSISCHEN BESETZUNG DES ZNPP AM 1.3.2022

DATUM

INFORMATIONEN (eigene Texte mit “Zitaten“, Umschrift eingedeutscht bzw. Englisch, Übersetzung: S.R.)

QUELLEN (Autor, Titel, URL u.a.)

Saporischschja (ukr.  Запоріжжя, russ. Запорожье) ist mit 710.000 Einwohnern (2022) die sechstgrößte Stadt der Ukraine, gegründet 1770 unter dem Namen Aleksandrovsk / Alexanderfestung, umbenannt 1921 (Saporischschja bedeutet “jenseits der Stromschnellen”). Heute ist es das viertgrößte Industriezentrum der Ukraine.

Zaporizhzhia City Council, Official Website, zp.gov.ua/en;
Запорожье, Wikipedia, 12.8.2022, ru.wikipedia.org/wiki/Запорожье 

1977

Beschluss der sowjetischen Regierung (Ministerrat) zum Bau des AKW Saporischschja (ZNPP), 50 km entfernt von der gleichnamigen Stadt. Zwei Jahre später wurde mit dem Bau des ersten von sechs Druckwasserreaktoren des Typs WWER-1000/320 (Wasser-Wasser-Energie-Reaktor) begonnen.

Оргэнергострой,  Запорожская АЭС [Orgenergostroy, Saporischschja AKW], Moskau, 2022, ioes.ru/ru/portfolio/18-zaporozhskaya-aes 

1984-1995

In diesem Zeitraum wurden sechs Reaktoren des AKW Saporischschja in Betrieb genommen, mit einer Laufzeit von 30 Jahre. Nach Auskunft von UATOM und des ukrainischen Gesundheitsministeriums gehen die  Reaktorblöcke 1-4  erst 10 Jahre später endgültig vom Netz (Stand 2019). Sie hätten nach dem Unfall im japanischen AKW Fukushima (11.3.2011) einen Stresstest bestanden.

Cайт по вопросам ядерной безопасности, радиационной защиты и нераспространения ядерного оружия, Действующие АЭС [Website über nukleare Sicherheit, Strahlenschutz und Nichtverbreitung von Atomwaffen,
Der laufende Betrieb von Kernkraftwerken], Kiew 2019, www.uatom.org/ru/obschie-svediniya.

26.4.1986

Das Staatliche Sonderunternehmen “Chernobyl NPP” (SS ChNPP) der Ukraine ist heute zuständig für die Atomruine von Tschernobyl. Auf der Website finden sich ausführliche Informationen, darunter zur Geschichte des AKW, u.a.: Nachdem der jüngste Block 4 des AKW Tschernobyl explodiert war und Block 2 im Jahre 1991 beschädigt wurde, hat die Ukraine, Block 1 im Jahre 1996 und Block 3 im Jahre 2000 stillgelegt. Der Bau zweier weiterer Reaktoren wurde bereits 1988 eingestellt. Saporischschja entwickelte sich deshalb zur wichtigsten Atomanlage der Ukraine. 

SSE ChNPP, Chornobyl NPP, History of the ChNPP, 2022, hnpp.gov.ua/en/about/history-of-the-chnpp.

 

1.12.1991

Nach der staatlichen Unabhängigkeit der Ukraine setzte Kiew die ursprüngliche sowjetische Energiepolitik zur Entwicklung der Kernenergie fort. Das Moratorium von 1990, das den Bau neuer Reaktoren infolge des Reaktorunfalls von Tschernobyl gestoppt hatte, wurde aufgehoben:

Seit Dezember 1991 unterstanden die AKWs dem Konzern Ukratomenergoprom, ab Januar 1993 dem “Staatlichen Komitee der Ukraine für die Nutzung der Kernenergie – Staatskomitee der Ukraine”. Nach der Inbetriebnahme von Block 6 des AKW Saporischschja (1995) wurde dieses mit einer Leistung von 6 Millionen KW zum größten Kernkraftwerk Europas. Am 17.10.1996 wurde das staatliche Unternehmen “Nationale Gesellschaft zur Erzeugung von Atomenergie “Energoatom” gegründet.

Cайт по вопросам ядерной безопасности, радиационной защиты и нераспространения ядерного оружия, Действующие АЭС [Website über nukleare Sicherheit, Strahlenschutz und Nichtverbreitung von Atomwaffen,
Der laufende Betrieb von Kernkraftwerken], Kiew 2019, www.uatom.org/ru/obschie-svediniya.

KIEWS ATOMPOLITIK

▪BEKANNTE FOLGEN UND RISIKEN DER UKRAINISCHEN KERNFORSCHUNG

DATUM

INFORMATIONEN (eigene Texte mit “Zitaten“, Umschrift eingedeutscht bzw. Englisch, Übersetzung: S.R.)

QUELLEN (Autor, Titel, URL u.a.)

16.7.1990

In der Souveränitätserklärung der ehemaligen Ukrainischen Sowjetrepublik vom 16.7.1990, die anderthalb Jahre später (1.12.1991) vollzogen wurde, heißt es:

IX. Äußere und innere Sicherheit: 

“Die Ukrainische SSR erklärt feierlich ihre Absicht, in Zukunft ein dauerhaft neutraler Staat zu werden, der sich nicht an Militärblöcken beteiligt und sich an drei nichtnukleare Grundsätze hält: keine Kernwaffen zu besitzen, herzustellen oder zu erwerben.”

X. Internationale Beziehungen

“Die Beziehungen der Ukrainischen SSR zu anderen Sowjetrepubliken basieren auf Verträgen, die auf den Grundsätzen der Gleichheit, des gegenseitigen Respekts und der Nichteinmischung in innere Angelegenheiten geschlossen wurden.

Die Erklärung ist die Grundlage für die neue Verfassung, die Gesetze der Ukraine und definiert die Position der Republik beim Abschluss internationaler Abkommen. Die Prinzipien der Souveränitätserklärung der Ukraine werden verwendet, um einen Unionsvertrag abzuschließen.

Angenommen vom Obersten Sowjet der Ukrainischen SSR”

MEGET, Информационно-аналитический портал про недвижимость, Декларация о государственном суверенитете Украины от 16 июля 1990 года N55-XII [MEGET, Informations- und Analyseportal über Immobilien, Erklärung der staatlichen Souveränität der Ukraine vom 16. Juli 1990 N55-XII], Kiew 2022, meget.kiev.ua/deklaratsiya-gosudarstveniy-suverenitet-ukraina/.

16.11.1994

Das Ukrainische Parlament (Werchowna Rada) verabschiedet das Gesetz Über den Beitritt der Ukraine zum Vertrag über die Nichtverbreitung von Atomwaffen vom 1. 7.1968 (Atomwaffensperrvertrag). Damit verzichtete die Ukraine auf den Besitz sämtlicher Atomwaffen. Am Tag ihrer Unabhängigkeit am 1.12.1991 war sie zur drittgrößten Atommacht der Welt aufgestiegen und verfügte über eine Overkill-Kapazität zur mehrfachen Vernichtung des gesamten Erdballs. Auf ihrem Boden lagerten 176 strategische und ca. 2500 taktische Atomraketen der UdSSR. Mit dem offiziellen Verzicht auf diese Waffen setzte die Ukraine Ankündigungen aus ihrer Souveränitätserklärung vom 16.7.1990 (s.o.) um. Der neue Gesetzestext hebt hervor:

2. Die Ukraine ist Eigentümerin von Nuklearwaffen, die von der ehemaligen UdSSR geerbt wurden. Nach der Demontage und Vernichtung dieser Waffen unter der Kontrolle der Ukraine und gemäß Verfahren, die die Möglichkeit der Wiederverwendung der Kernmaterialien, die Bestandteile dieser Waffen sind, für ihren ursprünglichen Zweck ausschließen, beabsichtigt die Ukraine, die oben genannten Materialien ausschließlich für friedliche Zwecke zu nutzen.

Die Ukraine benennt allerdings als Punkt 4 “außergewöhnliche Umstände”, die ihre Interessen gefährden könnten: Angriffe von Atommächten auf ihre nationale Souveränität und  territoriale Unversehrtheit sowie die Anwendung von wirtschaftlichem Druck. Zwar droht der Text für einen solchen Fall keine Konsequenzen an, etwa die Aufkündigung des Vertrags. Allerdings hat diese Klausel seit dem 23.2.2014 an Bedeutung gewonnen. Während Russland den pro-westlichen Regimechange als Bruch der Sicherheitsgarantien interpretiert, sehen die westlichen Staaten und die Ukraine die Vertragsverletzung aufseiten Russlands durch dessen Annexion der Krim. 

Верховна Ради України, Про приєднання України до Договору про нерозповсюдження ядерної зброї від 1 липня 1968 року [Über den Beitritt der Ukraine zum Vertrag über die Nichtverbreitung von Atomwaffen vom 1. Juli 1968], Kiew, 16.11.1994, zakon.rada.gov.ua/laws/show/248/94-%D0%B2%D1%80#Text.

5.12.1994

Am Tag ihrer Unabhängigkeit am 1.12.1991 wurde die Ukraine die drittgrößte Atommacht der Welt. Im Einklang mit der Souveränitätserklärung vom 16.7.1990 (s.o.) und dem Gesetz über den Beitritt zum Atomwaffensperrvertrag (16.11.1994) unterzeichnete Kiew das Budapester Memorandum. Für den darin erklärten Verzicht auf den Besitz von Atomwaffen erhielt die Ukraine Sicherheitsgarantien bzgl. ihrer staatlichen Souveränität durch Russland, das Vereinigte Königreich und den USA:

“Ukraine, the Russian Federation, the United Kingdom of Great Britain and Northern Ireland, and the United States of America,

Welcoming the Accession of Ukraine to the Treaty on Non-Poliferation of Nuclear Weapons as a non-nuclear weapon state, 

Talking into account the commitment of Ukraine to eliminate all nuclear weapons from its territory within a specified period of time,

Nothing the changes in word-wide security situation, including the end of the Cold War, which have brought about conditions for deep recductions in nuclear forces, 

[Die Ukraine, die Russische Föderation, das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland und die Vereinigten Staaten von Amerika,

begrüßen den Beitritt der Ukraine zum Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen als Nicht-Kernwaffenstaat, 

unter Berücksichtigung der Verpflichtung der Ukraine, alle Kernwaffen innerhalb eines bestimmten Zeitraums aus ihrem Hoheitsgebiet zu entfernen,

in Anbetracht der Veränderungen in der weltweiten Sicherheitslage, einschließlich des Endes des Kalten Krieges, die die Voraussetzungen für eine tiefgreifende Reduzierung der Atomwaffen geschaffen haben, …].”

Budapester Memorandum von 1994, Ukraine, Russian Federation, United Kingdom of Great Britain and Northern Ireland and United States of America, Memorandum on security assurances in connection with Ukraine’s a ccession to the Treaty. on the Non-Proliferation of Nuclear Weapons. Budapest, 5 December 1994, treaties.un.org/doc/Publication/UNTS/Volume%203007/Part/volume-3007-I-52241.pdf

16.3.2011

Der ukrainische Wissenschaftler Wolodymyr Tykhyy hielt einen Vortrag am Reaktorforschungszentrum der Universität Kyoto, Kumatori, Japan. Das Thema: “Das zerstörerische Erbe der Atombombe und der Kernenergie-Projekte in der Ukraine”. Darin informiert er über verschiedene Maßnahmen der ukrainischen Regierung, die radioaktiven Abfälle sicher zu lagern und über die gesundheitliche Folgen für die Bevölkerung der Ukraine (Stand: 2011).

Eine relevante Information: Bis Anfang 2011 verfügte die Ukraine kaum über eigene Kapazitäten zur sicheren Lagerung der abgelaufenen Kern-Brennstäbe: “Ein Parlamentsbeschluss zum Bau des CSF [Endlagers in Chernobyl, S.R.] ist erforderlich. In der Zwischenzeit werden ukrainische abgebrannte Kernbrennstoffe aus 9 WWER-Blöcken nach Russland transportiert.” [S. 25]

Weiterhin relevant sind Daten zu den gesundheitlichen Folgen: “In allen Gruppen von Betroffenen ist die TC-Prävalenz [Erkrankung an Schilddrüsenkrebs, S.R.] höher als der landesweite Durchschnitt: bei den Liquidatoren [ca. 1 Million Einsatzkräfte zur Sicherung des havarierten AKW Tschernobyl] um das 5,6-fache, bei den Evakuierten um das 4,4-fache, unter den Bewohnern der kontaminierten Gebiete um das 1,4-fache” [S. 28].

Volodymyr Tykhyy, Punishing legacy of atomic bomb and nuclear energy projects in Ukraine, Seminar at Kyoto University Research
Reactor Institute, Kumatori, 16.3.2011, www.rri.kyoto-u.ac.jp/NSRG/seminar/No110/20110318tykhyy.pdf.

18.11.2020

Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE) berichtet über die Inbetriebnahme des größten Endlagers für abgelaufene atomare Brennstäbe der Welt. Auf dem Sperrgebiet der AKW-Ruine Tschernobyl wird das Interim Storage Facilty 2 (ISF-2) Anfang 2021 in Betrieb gehen: Mehr als 21.000 abgebrannte  Brennelemente aus den abgeschalteten Reaktoren des AKW Tschernobyl sollen dort für mindestens 100 Jahre sicher gelagert werden. 

“Balthasar Lindauer, EBWE-Direktor für nukleare Sicherheit, sagte: ‘Dies ist eine bedeutsame Leistung, die von den vielen Tagen, Wochen und Jahren zeugt, die die EBWE, Geber, Auftragnehmer und die Ukraine der Durchführung dieses kritischen Sicherheitsprojekts gewidmet haben.’ […] Das  Zwischenlager 2 kostete 400 Mio. EUR und wurde mit Beiträgen aus Belgien, Kanada, Dänemark, der Europäischen Union, Finnland, Frankreich, Deutschland, Italien, Japan, den Niederlanden, Norwegen, Russland, Schweden, der Schweiz, der Ukraine, dem Vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten von Amerika finanziert.”

Axel Reiserer, Historic milestone at Chernobyl Nuclear Power Plant, European Bank for Reconstruction and Development, News, 18.11.2020, www.ebrd.com/news/2020/historic-milestone-at-chernobyl-nuclear-power-plant.html.

22.9.2021

Die norwegische Bellona Foundation für Umwelt- und Klimaschutz berichtet über das größte radioaktiv verseuchte Gebiet Europas, das stillgelegte Chemiewerk Prydniprovsky, vgl. ukr.  Придніпровський хімічний завод (ПХЗ). Es handelt sich um eine stillgelegte Uranmine am Ufer des Dnipro/Dnepr in der Ukraine nahe der Stadt Kamianske, ca. 60 km nordwestlich des AKW Saporischschja. Zwischen 1949 und 1991 hatte sie die gesamte Sowjetunion mit Uranerz versorgt. Die Fabrik verarbeitete das Erz zu Yellowcake (dt. “Gelber Kuchen“), einem Pulver aus Uranverbindungen. Das verstrahlte Gebiet um das PCP (eng. Prydniprovsky Chemical Plant) umfasst 2,5 Quadratkilometer, wo in 9 Freiluftdeponien rund 36 Millionen Tonnen radioaktiver Rückstände gelagert werden: Der Autor berichtet:

“Das Chemiewerk Prydniprovsky beherbergt heute mehr als 15 Mal so viel radioaktiven Abfall wie die Trümmer des 1986 explodierten Reaktors Nr. 4 in Tschernobyl.

Ein großer Teil dieser Abfälle liegt unter freiem Himmel, völlig ungeschützt vor Menschen und der Umwelt, oder ist durch Zäune abgegrenzt, die nicht darauf hinweisen, was sie umschließen. An anderen Stellen des Geländes stoßen die seit langem vernachlässigten Abfälle aus der Uranverarbeitung, die sogenannten Uran-Tailings, giftige Gase aus und sickern ins Grundwasser und in die Wasserläufe.

In den letzten drei Jahrzehnten wurde das PCP nur sporadisch überwacht, und die Bemühungen der ukrainischen Regierung um seine Sanierung waren sowohl unzureichend als auch schlecht finanziert. Ausländische Regierungen haben versucht, sich an der Sanierung zu beteiligen [u.a. Schweden, Norwegen, die IAEA und die EU, S.R.], aber ihre Finanzmittel wurden für Bereiche bereitgestellt, die das Problem nicht als Ganzes angehen.”

In dem Artikel wird der Büroleiter der NGO Bellona in St. Petersburg zitiert: “Es ist unmöglich herauszufinden, was tatsächlich getan wurde, wie die Situation bei dem PCP ist, wer verantwortlich ist und das Projekt beaufsichtigt, und wie die Aussichten sind.”

Charles Digges, The most dangerous place in Europe is one you have never heard of, Oslo, 22.9.2021, bellona.org/news/nuclear-issues/2021-09-the-most-dangerous-place-in-ukraine-is-one-you-have-never-heard-of.

Weiterführend: Yuriy Tkachenko, The Prydniprovsky Chemical Plant – Ukraine’s Uranium Heritage, Bellona Foudation, Oslo, 2020, network.bellona.org/content/uploads/sites/3/2020/11/Pridniprovsky-Chemical-plant-English.pdf.

Quelle: Lage der stillgelegten Chemiefabrik Prydniprovsky (PCP), ca. 60 km nordwestlich vom AKW Saporischschja:  Dniprodzerzhynsk Ukraine map.png, Skluesener, 5.1.2007

19.2.2022

In einer Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz kündigte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj an, dass sich die Ukraine nicht mehr an das Budapester Memorandum (1994) halten werde, sollten NATO und EU nicht mehr für die Sicherheit der Ukraine garantieren können. Damit fordert er den Beitritt zu beiden Organisationen. Die Aufkündigung des Memorandums kommt einem Austritt aus dem Atomwaffensperrvertrag gleich. 

“Seit 2014 hat die Ukraine dreimal versucht, Konsultationen mit den Garantiestaaten des Budapester Memorandums einzuberufen. Dreimal ohne Erfolg. Heute wird die Ukraine es zum vierten Mal tun. Ich als Präsident werde dies zum ersten Mal tun. Aber sowohl die Ukraine als auch ich tun dies zum letzten Mal. Ich leite Konsultationen im Rahmen des Budapester Memorandums ein. Der Außenminister wurde beauftragt, sie einzuberufen. Wenn sie sich nicht wiederholen oder ihre Ergebnisse keine Sicherheit für unser Land garantieren, wird die Ukraine jedes Recht haben zu glauben, dass das Budapester Memorandum nicht funktioniert und alle Paketbeschlüsse von 1994 in Frage stehen. […]

Was können wir jetzt noch tun? Die Ukraine und ihre Verteidigungsfähigkeiten weiterhin wirksam unterstützen. Bereitstellung einer klaren europäischen Perspektive für die Ukraine, der den Kandidatenländern zur Verfügung stehenden Unterstützungsinstrumente und eines klaren und umfassenden Zeitrahmens für den Beitritt zum Bündnis.”

Rede des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj auf der 58. Münchener Sicherheitskonferenz, 19.02.2022, München Ukraine-Analyse Nr. 262, Bundeszentrale für politische Bildung, D0kumentation, Bonn,  www.bpb.de/themen/europa/ukraine/346833/dokumentation-rede-des-ukrainischen-praesidenten-wolodymyr-selenskyj-auf-der-58-muenchener-sicherheitskonferenz-19-02-2022-muenchen.

22.2.2022

Nach der Rede des ukrainischen Präsidenten auf der Münchner Sicherheitskonferenz am 19.2.2022 (s.o.) analysiert ein BBC-Artikel zwei Tage vor Beginn des Ukraine-Kriegs die Wahrscheinlichkeit und die Konsequenzen einer “möglichen Rückkehr des nuklearen Status der Ukraine”. 

Der Artikel zitiert nicht nur aus der Rede des ukrainischen Präsidenten (dasselbe Zitat s.o.), sondern auch russische Stellungnahmen dazu, u.a. vom russischen Präsidenten Wladimir Putin:

” ‘Es gab bereits Erklärungen, dass die Ukraine ihre eigenen Atomwaffen entwickeln wird, und das ist keine leere Prahlerei. Die Ukraine verfügt wirklich über alle sowjetischen Nukleartechnologien und Mittel, um solche Waffen zu transportieren, insbesondere auch operativ-taktische Raketen ‘Tochka-U’, ebenfalls sowjetischer Konstruktion, deren Reichweite 100 Kilometer überschreitet’, sagte Putin. […]

‘Mit dem Aufkommen von Massenvernichtungswaffen in der Ukraine wird sich die Situation in der Welt, in Europa, insbesondere für uns, für Russland, dramatisch verändern. Wir können nicht umhin, auf diese reale Gefahr zu reagieren, zumal ich wiederhole, dass westliche Gönner zur Entstehung solcher Waffen in der Ukraine beitragen können. um eine weitere Bedrohung für unser Land zu schaffen’, fügte Putin hinzu.”

Георгий Эрман, Может ли Украина вернуть себе ядерное оружие? И во что это ей обойдется? [Georgi Erman, Kann die Ukraine Atomwaffen zurückbekommen? Und was wird es sie kosten?], BBC News, 22.2.2022,  www.bbc.com/russian/features-60483270.

6.3.2022

Die beiden Nachrichtenagenturen Interfax und TASS zitieren eine russische Regierungsquelle, der zufolge Kiew schon seit 1994, d.h. nach dem Beitritt der Ukraine zum Atomwaffensperrvertrag, an der Entwicklung von Atomwaffen forsche. Seit dem pro-westlichen Umsturz am 23.2.2014, den die USA unterstützten, hätten NATO-Staaten die Ukraine bei der Beschaffung der Technologie zur Anreicherung von Uran geholfen. Moskau wirft Kiew vor, dass die Ukraine die Sperrzone um das havarierte AKW Tschernobyl für Tests neuer Atomwaffen nutze, im Hintergrund des verstrahlten Geländes. Die militärische Besetzung des AKWs Saporischschja (ZNPP), der größten Atomanlage in Europa, diene der Sicherstellung von Beweismaterial für das ukrainische Atomwaffenprogramm und den Verstoß gegen den Atomwaffensperrvertrag, so die Meldungen russischer Agenturen. Zitate einer nicht namentlich genannten Person der russischen Regierung: 

” ‘Unmittelbar nach dem Beitritt zum Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen als nicht-nuklearer Staat im Jahr 1994 begann die Ukraine mit Arbeiten zur Forschung und Entwicklung, um eine technologische Grundlage für die mögliche Schaffung eigener Atomwaffen zu schaffen. Diese Arbeiten haben nach den bekannten Ereignissen in der Ukraine 2014  auf stillschweigenden Befehl von Poroschenko, dem damaligen Präsidenten des Landes, eine klar zum Ausdruck gebrachte praktische Ausrichtung und wachsende Aktivität erhalten’, sagte die Quelle. […]

‘Unabhängig davon ist es erwähnenswert, dass die AKW-Zone Tschernobyl als Standort für die Entwicklung von Atomwaffen genutzt wird. Dort wurde, nach den verfügbaren Informationen zu urteilen, sowohl an der Herstellung einer ‘schmutzigen’ Bombe als auch an der Freisetzung von Plutonium gearbeitet. Der erhöhte Strahlungshintergrund, der für die Tschernobyl-Zone natürlich ist, verdeckte die Durchführung solcher Arbeiten ‘, sagte die Quelle.”

Украина могла создать ядерное оружие в ближайшей перспективе – информированный источник в РФ [Die Ukraine könnte in naher Zukunft Atomwaffen entwickeln – eine informierte Quelle der Russischen Föderation], Interfax, Moskau, 6.3.2022, www.interfax.ru/russia/826642.

Vgl. auch: 

История вопроса о безъядерном статусе Украины [Hintergrund zum atomwaffenfreien Status der Ukraine], Moskau, 6.3.2022, tass.ru/info/13985001.

23.3.2022

In den westlichen Medien erscheint ein Beitrag zum Problem der Proliferation von Atomwaffen. Das US-amerikanischen Stimson Center in Washington berichtet, dass Kiew den Ausbau des ukrainischen Endlagers in Tschernobyl plant. Dort sollen in Zukunft sämtliche abgebrannte Brennstoffe aus den ukrainischen AKWs gelagert werden:

“In Tschernobyl befindet sich das weltweit größte Lager für abgebrannte Trockenbrennstoffe, in dem 21.000 abgebrannte Brennelemente aus den Reaktoren 1, 2 und 3 gelagert werden.5 [Link: www.ebrd.com, 18.11.2020, s.o.] Es ist auch der Standort der neu gebauten Centralized Spent Fuel Storage Facility (CSFSF), die abgebrannte Brennelemente aus neun Reaktoren in den Werken Rivne, Khmennitsky und Südukraine lagern soll. Im Januar 2020 erwarteten die Betreiber, dass die CSFSF ihre ersten Lieferungen im April erhalten würde. […]

In der Vergangenheit hat die Ukraine den größten Teil ihrer nuklearen Dienstleistungen und Brennstoffe aus Russland bezogen, hat sich aber in den letzten Jahren bemüht, ihre Energieunabhängigkeit zu erhöhen. Westinghouse testete und verfeinerte seine Brennelemente für WWER-Reaktoren erstmals 2005 in der Südukraine. Im Rahmen des Vertrags von 2008 zwischen Westinghouse und dem ukrainischen Unternehmen Energoatom konnte die Ukraine in den Jahren 2011-2015 Brennstoff für die Wiederaufladung von drei der südukrainischen Reaktoren kaufen,[Link: www.diis.dk, 11.11.2014] und im Jahr 2014 unterzeichnete die Ukraine Brennstoffverträge mit Westinghouse, die 2018 verlängert wurden. Bis Anfang 2022 wurde fast die Hälfte des Brennstoffs in den ukrainischen Kernkraftwerken von Westinghouse geliefert.[Link: nucnet.org, 18.12.2019]”

The Stimson Center, Ukraine. Nuclear Annexation: A New Proliferation Concern?, Washington, 23.3.2022, www.stimson.org/2022/nuclear-annexation

25.3.2022

In der wissenschaftlichen Zeitschrift Science erschien ein Artikel zur Lage in Tschernobyl nach der russischen Okkupation. Darin sagte Anatolii Nosovskyi, Direktor des Instituts für Sicherheitsprobleme von Kernkraftwerken (ISPNPP) in Kiew gegenüber einem Wissenschaftler aus Maryland, USA, dass sehr wahrscheinlich Plünderer ein Labor zur Strahlungsüberwachung überfallen und radioaktive Isotope entwendet hätten. Sie könnten mit konventionellem Sprengstoff gemischt und so zur Herstellung einer ‘schmutzigen Bombe’ genutzt werden, die große Gebiete radioaktiv verseuchen könnte:

“Das ISPNPP hat ein separates Labor in Tschernobyl mit noch gefährlicheren Materialien: ‘leistungsstarke Quellen von Gamma- und Neutronenstrahlung’, die zum Testen von Geräten verwendet werden, sagt Nosovskyi, sowie intensiv radioaktive Proben von Material, das aus der Kernschmelze der Einheit Vier übrig geblieben ist. Nosovskyi habe den Kontakt zum Labor verloren, sagt er, also ‘ist uns das Schicksal dieser Quellen unbekannt’.”

Damit bestätigt die Ukraine, dass sie mit der Kernenergie eine Dual-Use-Forschung betreibt. Der Artikel berichtet darüber hinaus, dass Kiew über weitere Tausend Standorte mit radioaktivem Material verfügt. Nach offiziellen Darstellungen würden diese strengstens bewacht. Doch gäbe es auch kritische Stimmen: 

“Witali Fedtschenko, Experte für nukleare Sicherheit am Stockholmer Friedensforschungsinstitut, weist jedoch darauf hin, dass die Ukraine, wie auch andere Teile der ehemaligen Sowjetunion, nicht die gesamte nukleare Hinterlassenschaft der Sowjetunion im Auge behalten hat. ‘Es gibt eine Menge radioaktiver Quellen, die niemand auf dem Radar hat’, sagt er. ‘Auch nicht auf dem Radar der Ukraine.’ “

Richard, Stone, Dirty bomb ingredients go missing from Chornobyl monitoring lab
Insecure radioactive materials are the latest worry as Russia continues occupation of infamous nuclear reservation, in: Science, Vol 376, Issue 6588, doi: 10.1126/science.abq2304, 25.3.2022, www.science.org/content/article/dirty-bomb-ingredients-go-missing-chornobyl-monitoring-lab.

Website des Instituts für Sicherheitsprobleme von Kernkraftwerken (ISPNPP): Інститут проблем безпеки атомних електростанцій (ispnpp.kiev.ua/en).

Anmerkung: Seit Beginn am 24.2.2022 bis Ende September 2022 des Ukraine-Kriegs hat das Institut keine Nachrichten mehr veröffentlicht.

20.4.2022

Die ukrainische Zeitschrift “Energobusiness” interviewt den Leiter des staatlichen Energieunternehmens Energoatom, Petro Kotin. Diese  ausführlichen Quelle nennt folgende relevante Details: 

“— Um die Frage nach der Lage im AKW Saporischschja (ZNPP) fortzusetzen, wie ist die aktuelle Situation dort?

— Sie hat sich nicht verändert. Das Personal arbeitet immer noch unter dem Druck des russischen Militärs. Es gibt Hunderte von bewaffneten Soldaten, schweres Gerät, Munitionsdepots usw. auf dem Gelände. Das heißt, alles, was die IAEA hätte ablehnen sollen, geschieht: die physische Präsenz von Truppen im Umkreis des AKWs, die Sicherheitszone  wird verletzt, wir kontrollieren ihn nicht mehr … Russland hat das KKW-Gelände in eine Militärbasis verwandelt. Das unter Druck stehende Personal kann sich nicht ausruhen, obwohl dies die Sicherheitsvorschriften vorschreiben. Auch die Versorgung mit Lebensmitteln ist unzureichend. All diese Tatsachen stellen eine direkte Verletzung der Nuklear- und Strahlensicherheit dar, und die IAEA sollte darauf reagieren. 

Gibt es eine Rotation des Personals?

— Ja. Am ersten Tag der Besetzung dauerte eine Schicht etwa 20 Stunden, während eine normale Rotation 8 Stunden umfasst. […]

Das [ukrainische] Unternehmen [Energoatom] berichtete, dass die Besatzer glücklicherweise das zentrale Lager für abgebrannte Brennstoffe in der Sperrzone von Tschernobyl [CSFSF] nicht beschädigt haben. Bereiten Sie jetzt ein Lager vor, um die ersten Chargen dieser Brennelemente aufzunehmen?

— Ja. Im Prinzip hindert uns nichts daran, die vor dem Krieg begonnenen Arbeiten abzuschließen und dort abgebrannte Brennelemente anzunehmen. Am 9. März sollten wir eine Lizenz von der Regulierungsbehörde erhalten, aber all dies wurde verschoben. Ich denke jedoch, dass wir es bald bekommen werden. Das einzige, was uns jetzt behindert, ist das Verbot des Transports von Kernmaterial durch das Territorium der Ukraine. Aufgrund des Kriegsrechts.

Wenn wir die Erlaubnis zum Transport erhalten, werden wir mit dem Transport von Kraftstoff zum Lagerort beginnen. Wenn nicht (aufgrund der Gefahr eines solchen Transports), werden wir den Kraftstoff immer noch entladen und auf dem Territorium des AKWs lagern. Für eine solche Zwischenlagerung gibt es Technologien und Lösungen.”

Журнал “Энергобизнес”, Петро Котін: «Людей підвозять автобусами, вони пересідають у човен і пливуть до міста прип’ять, до  ЧАЕС» [Zeitschrift „Energobiznes“, Petro Kotin: „Die Leute werden mit Bussen abgeholt, steigen auf ein Boot um und fahren in die Stadt Pripjat, zum KKW Tschernobyl“], Kiew, 20.4.2022, e-b.com.ua/petro-kotin-lyudei-pidvozyat-avtobusami-voni-peresidayut-u-coven-i-plivut-do-m-pripyat-do-caes-4014.

21.4.2022

Die britische Website World Nuclear News (WNN) gibt weitere Informationen über das neue nuklearen Endlager CSFSF in der Sperrzone des AKWs Tschernobyl:

Das CSFSF ist ein Trockenlager für gebrauchte Kernbrennelemente aus sieben Reaktoren WWER-1000 und zwei WWER-440 in den Kernkraftwerken Riwne, Chmennizki und Südukraine. Es ist für eine Gesamtspeicherkapazität von 16.530 gebrauchten Brennelementen ausgelegt, darunter 12.010 WWER-1000-Baugruppen und 4520 WWER-440-Baugruppen. Mit dem in den USA ansässigen Unternehmen Holtec International wurden 2005 Verträge über den Bau unterzeichnet, obwohl der Bau erst 2017 begann.”

World Nuclear News, Ukraine’s centralised used fuel storage facility ‘ready’, London, 21.4.2022, www.world-nuclear-news.org/Articles/Ukraine-s-centralised-spent-fuel-storage-facility.

28.4.2022

In ihrem Bericht über die nukleare Sicherheit der Ukraine stützt die IAEA offiziellen Darstellungen Kiews. Danach seien die Vorwürfe Russlands unbegründet, wonach die Ukraine dort an neuen Atomwaffen forsche und gegen den Atomwaffensperrvertrag verstoße:

“Auf der Grundlage der Auswertung aller der IAEA bisher vorliegenden überwachungsrelevanten Informationen, hat die IAEA keine Anzeichen für die Abzweigung von deklariertem Kernmaterial oder irgendwelche
Anzeichen, die Anlass zur Besorgnis über die Proliferation geben würden.”

International Atomic Energy Agency (IAEA), Safety and Security of Nuclear Facilities in Ukraine, 24.2. – 28.4.2022, p. 24, www.iaea.org/sites/default/files/22/04/ukraine-report.pdf.

29.7.2022

Das ukrainische Netzwerk VoxUkraine publiziert einen Artikel, der Informationen über den ukrainischen Besitz von Atomwaffen als “Fake” bezeichnet:

“Nutzer sozialer Netzwerke geben folgende Argumente an:

  • Die Ukraine verfügt über eine wissenschaftliche Grundlage für die Herstellung von Atomwaffen;
  • Die Ukraine hat Trägerraketen für Atomwaffen – Zenit und Dnipro;
  • Auf der Münchner Konferenz kündigte der Präsident der Ukraine den Rückzug der Ukraine aus dem Budapester Memorandum an;
  • Großbritannien könnte als Atommacht die Technologie zur Wiederherstellung seines Atomwaffenarsenals an die Ukraine übertragen.

Dies ist jedoch nicht wahr. Die Ukraine hat schließlich 1996 ihre Atomwaffen aufgegeben und hat seitdem keine Pläne, ihr Atomwaffenarsenal wieder aufzubauen.”

Zur Unterstützung dieser Behauptungen werden verschiedene Quellen herangezogen, u.a.:

“Serhiy Halaka, ein Spezialist für die Nichtverbreitung von Atomwaffen [Link zum BBC-Artikel vom 22.2.2022, s.o.], argumentiert, dass die Ukraine theoretisch Mittel zur Lieferung von Atomwaffen (Militärflugzeuge, Raketen) schaffen könnte, aber die Ukraine hat nicht die Materialien, um die Waffen selbst herzustellen. Die Ukraine produziert kein hochangereichertes Uran, das für die Herstellung von Waffen notwendig ist. Wir praktizieren auch nicht die Anreicherung von Plutonium in Kernreaktoren, die eine Grundlage für Atomwaffen werden könnte.”

Das Argument, Großbritannien könnte als Atommacht die entsprechende Technologie zur Verfügung stellen, wird im Artikel nicht entkräftet.

ФЕЙК: Украина собиралась восстановить ядерный арсенал. Проверка фейков в рамках партнерства с Meta [FAKE: Die Ukraine wollte ihr Atomwaffenarsenal wiederherstellen, Verifizierung von Fälschungen im Rahmen der Partnerschaft mit Meta], VoxUkraine, 29.7.2022, voxukraine.org/ru/fejk-ukrayna-sobyralas-vosstanovyt-yadernyj-arsenal.

22.9.2022

Die Staatliche Nukleare Regulierungsbehörde der Ukraine berichtet über eine erfolgreiche Inspektion der IAEA im Institut für Kernforschung der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine und des AKW Tschernobyl: 

“Vom 21. bis 22. September 2022 wurden das Institut für Kernforschung der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine und das AKW Tschernobyl von der Internationalen Atomenergiebehörde im Rahmen des Abkommens zwischen der Ukraine und der IAEA im Zusammenhang mit dem Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen erfolgreich inspiziert. […] Zweck der durchgeführten Inspektionen: Überprüfung des Fehlens von nicht deklariertem Kernmaterial, Informationen über die Auslegung der kerntechnischen Anlage und nicht angemeldete nukleare Aktivitäten.”

Державна інспекція ядерного регулювання України, На ядерних установках України проведено інспекції та додатковий доступ МАГАТЕ [Staatliche Nukleare Regulierungsbehörde der Ukraine, Inspektionen und zusätzlicher Zugang der IAEO wurden in Kernanlagen der Ukraine durchgeführt], Kiew, 22.9.2022, snriu.gov.ua/news/na-yadernih-ustanovkah-ukrayini-provedeno-inspekciyi-ta-dodatkovij-dostup-magate.

26.9.2022

Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA veröffentlicht neueste Prognosen über die Zukunft der friedlichen Nutzung der Kernkraft. Erstmals seit dem Reaktorunfall im japanischen AKW Fukushima Daiichi, (11.3.2011.) ist der Anteil der Kernenergie an der Stromerzeugung weltweit wieder gestiegen. Bis zum Jahre 2050 könnte sich von 10 auf 14 Prozent erhöhen: Im Bericht heißt es:  

” ‘Wir befinden uns in einem entscheidenden Moment des weltweiten Übergangs zu einer sichereren, stabileren und erschwinglicheren Energiezukunft’, sagte IAEO-Generaldirektor Rafael Mariano Grossi. ‘Angetrieben von den Auswirkungen des Klimawandels und der Energiekrise überdenken die Regierungen ihre Portfolios zugunsten der Kernenergie. Damit das High-Case-Szenario erreicht werden kann, müssen jedoch eine Reihe von Herausforderungen angegangen werden, darunter die regulatorische und industrielle Harmonisierung und Fortschritte bei der Beseitigung hochradioaktiver Abfälle.’ “

International Atomic Energy Agency (IAEA), IAEA Projections for Nuclear Power Growth Increase for Second Year Amid Climate, Energy Security Concerns, Press Release 26.9.2022, www.iaea.org/newscenter/pressreleases/iaea-projections-for-nuclear-power-growth-increase-for-second-year-amid-climate-energy-security-concerns.

26.9.2022

Die Prognosen der IAEA wurden publiziert als: “42. Ausgabe von RDS-1”. Der Bericht enthält Schätzungen der Energie-, Strom- und Kernenergietrends bis zum Jahr 2050, die globale und regionale Trends berücksichtigen.

Die beiden Abbildungen unten zeigen, dass die USA weltweit der größte Produzent an Atomstrom sind. Sie erzeugen etwa doppelt so viel wie China oder Frankreich und knapp das Vierfache der Russischen Föderation. Die Ukraine liegt im Ranking (siehe Abbildung unten links) noch vor Deutschland und Japan. Die rechte Abbildung zeigt den Anteil an Kernenergie an der gesamten Stromerzeugung nach Ländern. An der Spitze liegt Frankreich mit 69 Prozent, direkt gefolgt von der Ukraine mit 55 Prozent. In den USA und Russland beträgt die Anteil etwas über 19 Prozent und in Deutschland bei 11,9 Prozent. 

Fazit: Die Mitgliedstaaten der EU wie auch die Ukraine sind weltweit führend, was den Anteil des Atomstroms an ihrer eigenen Energieproduktion betrifft.

International Atomic Energy Agency (IAEA), Energy, Electricity and Nuclear Power Estimates for the Period up to 2050, Wien 2022, vgl. die Abbildung links auf S. 12 und 13, www.iaea.org/publications/15268/energy-electricity-and-nuclear-power-estimates-for-the-period-up-to-2050.

Interessant ist ein genauerer Blick auf die Finanzen der IAEA. Offenbar ist der Mitgliedsbeitrag nicht an die Höhe der heimischen Atomstrom-Produktion gekoppelt. Denn die Ukraine zahlt nur 0,06 Prozent des Jahresbudgets der IAEA, Deutschland dagegen 5,9 Prozent, obwohl sie etwa die gleiche Menge an Atomstrom produzieren (siehe Abbildung oben links). Die Abbildung unten zeigt den überproportionalen Budgetanteil der G7-Staaten und damit ihren starken Einfluss auf die Politik der IAEA: Allein die USA und die europäischen Staaten (EU, UK und EFTA) stellen ca. 50 Prozent des Budgets. Die Abbildung unten ist eine eigene Zusammenstellung und basiert auf den Daten der IAEA (siehe rechts).

International Atomic Energy Agency (IAEA), Scale of assessment of Member States’ contributions towards the Regular Budget for 2022, GC(65)/RES/7, Date: September 2021, www.iaea.org/sites/default/files/gc/res-7_-_scale_of_assessment.pdf.

KIEWS ENERGIEPOLTIIK

▪ SEIT DER STAATLICHEN UNABHÄNGIGKEIT DER UKRAINE (1.12.1991)

DATUM

INFORMATIONEN (eigene Texte mit “Zitaten“, Umschrift eingedeutscht bzw. Englisch, Übersetzung: S.R.)

QUELLEN (Autor, Titel, URL u.a.)

1977-1989

Nach Informationen der offiziellen ukrainischen Website UATOM plante die Sowjetunion in diesem Zeitraum auf dem Territorium der Ukraine die Errichtung von 5 AKWs: Saporoschje, Riwne, Chmelnyzkyj, Tschernobyl und Südukraine. Sie sollten eine  Gesamtkapazität von 14.800 Megawatt (MW) haben.

“Zum Zeitpunkt des vom Menschen verursachten Unfalls im vierten Reaktorblock des Kernkraftwerks Tschernobyl im April 1986 waren in der Ukraine 10 Blöcke in Betrieb, davon 8 mit einer Leistung von 1.000 MW (vier WWVER-1000 [wassermoderierter-wassergekühlter Typ] und vier RBMK-1000 [graphitmoderierter-wassergekühlter Reaktor des Typs von Tschernobyl]). Von 1986 bis 1990 wurden 6 weitere Reaktorblöcke mit je 1000 MW in Betrieb genommen: drei im AKW Saporischschja und je einer in den AKWs Südukraine, Riwne und Chmelnyzkyj.”

Cайт по вопросам ядерной безопасности, радиационной защиты и нераспространения ядерного оружия, Действующие АЭС [Website über nukleare Sicherheit, Strahlenschutz und Nichtverbreitung von Atomwaffen,
Der laufende Betrieb von Kernkraftwerken], Kiew 2019, www.uatom.org/ru/obschie-svediniya.

2019

“Heute [2019] sind 15 Reaktorblöcke in ukrainischen AKWs in Betrieb, 13 davon mit Reaktoren vom Typ WWER-1000 und 2 Reaktoren WWER-440 mit einer installierten Gesamtleistung von 13.835 MW, was 26,3% der gesamten installierten Leistung aller Kraftwerke in der Ukraine entspricht.”

Cайт по вопросам ядерной безопасности, радиационной защиты и нераспространения ядерного оружия, Действующие АЭС [Website über nukleare Sicherheit, Strahlenschutz und Nichtverbreitung von Atomwaffen,
Der laufende Betrieb von Kernkraftwerken], Kiew 2019, www.uatom.org/ru/obschie-svediniya.

11.3.2022

Das Energieministerium der Ukraine gibt auf seiner Website folgende Informationen zur Organisationsstruktur und Entwicklung ihrer Energiepolitik: 

Ende 1999 wurde per Dekret des Präsidenten der Ukraine das Ministerium für Brennstoffe und Energie der Ukraine geschaffen, auf der Grundlage des Ministeriums für  Energie, des Ministeriums für Kohleindustrie, des Staatsministeriums für elektrische Energie, des Staatsministeriums für die Erdöl-, Gas- und Ölraffinerieindustrie und das Staatsministerium für Fragen der Kernenergie. […]

Heute ist das Vereinigte Energiesystem der Ukraine einer der größten Energieverbände in Europa, das sieben regionale Systeme der Elektr0energie (REES) umfasst: Dnipro, Westen, Krim, Süden, Südwesten, Norden und Zentrale, die durch systembezogene Leitungen und Hauptstromleitungen von 750 kV und 330-500 kV2 miteinander verbunden sind. […]

Am 16. März 2022 fand ein historisches Ereignis statt: Das ukrainische Stromnetz wurde von seiner sowjetischen Vergangenheit – dem Stromnetz Russlands und Weißrusslands – endgültig abgekoppelt. Vor dem Hintergrund der russischen Militärinvasion, mehr als ein Jahr früher als geplant, wurde das ukrainische Energiesystem vollständig mit dem ENTSO-E-Netzwerk von Kontinentaleuropa synchronisiert. Die entsprechende Entscheidung wurde vom Verband der Netzbetreiber ENTSO-E [European Network of Transmission System Operators for Electricity] am 11. März 2022 getroffen. Nach der Synchronisation arbeitet das Vereinigte Energiesystem der Ukraine stabil, die Frequenz wird bei 50 HZ gehalten.”

Міністерство енергетики Украіни, Історія енергетики [Energieministerium der Ukraine, Geschichte der Energie], Kiew, 11.3.2022, mev.gov.ua/storinka/istoriya-enerhetyky.

Vgl. European Network of Transmission System Operators for Electricity (ENTSO-E), Brüssel, www.entsoe.eu. Die Ukraine ist Mitglied der ENTSO-E, vertreten durch das nationale Unternehmen UKRENERGO, Kiew: ua.energy.

Національна комісія, що здійснює державне регулювання у сферах енергетики та комунальних послуг (НКРЕКП) [Nationale Kommission für die staatliche Regulierung von Energie und Versorgungsunternehmen], Kiew: www.nerc.gov.ua.

10.5.2022

Durch die Station “Sudzha” an der ukrainischen Grenze zu Russland im Nordosten (Karte siehe unten)  führen drei Gaspipelines mit einem Durchmesser von 1400 mm und einer Transitkapazität von 244 Millionen Kubikmeter Gas pro Tag. Der ukrainische Transitbetreiber GTS hat sich bisher nur zu einer Transitmenge von 109,6 Millionen Kubikmeter pro Tag verpflichtet. Er veröffentlichte folgende Daten (vgl. Karte unten und Quelle rechts): 

“Das durchschnittliche tägliche Transitvolumen durch den Anschlusspunkt “Sudzha” lag bei:

im Jahr 2017 – 181,2 Millionen Kubikmeter;
im Jahr 2018 – 170,7 Millionen Kubikmeter;
im Jahr 2019 – 180,3 Millionen Kubikmeter;
im Jahr 2020 (bereits unter dem neuen Transitabkommen) – 130,1 Millionen Kubikmeter.

Während dieses Zeitraums erreichten die maximalen Volumina:

im Jahr 2017 – 247,7 Millionen Kubikmeter;
im Jahr 2018 – 245,3 Millionen Kubikmeter;
im Jahr 2019 – 241 Millionen Kubikmeter;
im Jahr 2020 – 165,1 Millionen Kubikmeter.

Nach dem bestehenden Transitabkommen für 2020-2025, das den Transit von 65 Milliarden Kubikmetern Erdgas vorsah, betrug im Jahr 2020 die Vertragskapazität am Sudzha-Punkt 150,7 Millionen Kubikmeter pro Tag.

Darüber hinaus hat eine ähnliche Übertragung von Kapazitäten vom Sokhranivka-Gasversorgungssystem auf das Sudzha-Gasversorgungssystem aufgrund geplanter Reparaturen bereits vom 12. bis 25. Oktober 2020 stattgefunden. Dann betrug der Gastransit durch den Eintrittspunkt “Sudzha” 165,1 Millionen Kubikmeter pro Tag.

Daher sind die Behauptungen über die Unmöglichkeit, Gas von ‘Sokhranivka’ auf den Punkt ‘Sudzha’ zu übertragen, nicht wahr.”

Fazit: Die Ukraine hat in 2020 mit Russland Gaslieferverträge bis zum Jahre 2025 abgeschlossen. Nach eigenen Angaben importierte die Ukraine aus Russland in den letzten Jahren zeitweise mehr Gas pro Tag als vorgesehen. Der ukrainische Transitbetreiber GTS möchte dieses Volumen auf 244 Millionen Kubikmeter Gas pro Tag erhöhen und damit Nord Stream-1 und Nord Stream-2 vollkommen ersetzen (vgl. nachfolgende Quelle). Die ukrainischen Energieunternehmen werden vom Stopp der Gaspipeline Nord Stream-2 profitieren und ihr Geschäft mit Transitgas aus Russland ausweiten. 

Оператор газотранспортноі системи Украіни (Оператор ГТС України), Щодо технічної можливості переносу обсягів транзиту через ГВС «Суджа» [Gasfernleitungsnetzbetreiber der Ukraine, Die technische Möglichkeit,  Transitvolumen auf die Pipeline bei Sudzha umzuleiten], Kiew, 10.5.2022, https://tsoua.com/news/shhodo-tehnichnoyi-mozhlyvosti-perenosu-obsyagiv-tranzytu-cherez-gvs-sudzha/.

Vgl. Video auf YouTube:

Українська ГТС – енергетичний щит Європи | Як Україна перемогла кремль у “газових війнах”, 
5 канал 
[Ukrainische GTS – Das Energieschild Europas. Wie die Ukraine den Kreml in den “Gaskriegen” besiegte, 5 Kanal], Kiew, 29.11.2018, YouTube: youtu.be/MPrqI5DlijA.

25.7.2022

Der Gasfernleitungsnetzbetreiber der Ukraine (GTS) warb über Socialmedia (Telegram) für die größte ukrainische Pipeline zum Transit russischen Gases “Sudzha” (vgl. Karte oben, Grenze Ukraine-Russland im Nordosten). Generaldirektor Serhiy Makogon [uk. Сергій Макогон] sagte, diese könne in Zukunft ganz Europa versorgen: “Nord Stream-1 und Nord Stream-2 sind überflüssig.”

Weiter heißt es auf Telegram:

“Die technische Kapazität der Leitung “Sudzha” beträgt 244 Millionen Kubikmeter [Gas pro Tag]. 💪 Sie reichen für Europa aus, um Folgendes zu erhalten:

✅  zuverlässiger Gastransport;
✅  Senkung des Preises für den blauen Kraftstoff;
✅  die Möglichkeit, sich effektiv auf die Heizsaison vorzubereiten.

Stattdessen beschränken die Russen bewusst die Gaslieferungen nicht nur durch die kontrollierte Nord Stream-1, sondern auch durch die Ukraine:
Von den 109 Millionen Kubikmeter [Gas pro Tag] Vertragskapazität nutzen die Russen nur 42 Millionen.”

Karte: На “трубі”: репортаж з диспетчерської української ГТС [In der “Röhre”: eine Meldung aus der Leitwarte der ukrainischen GTS], Kiew, 7.3.2018, www.epravda.com.ua/publications/2018/03/7/634729.

Quelle: Оператор газотранспортноі системи Украіни [Оператор ГТС України, Gasfernleitungsnetzbetreiber der Ukraine, Gas Transmission System Operator of Ukraine], Kiew, 25.7.2022, Telegram: Contact @gastsoua, t.me/gastsoua/620.

26.8.2022

“ÜBER DAS UNTERNEHMEN

Das Nationale Energieunternehmen Ukrenergo ist eine private Aktiengesellschaft mit 100% der Anteile im Besitz des Staates, die zum Verwaltungsbereich des Energieministeriums der Ukraine gehört. […]

Ende 2021 beantragte Ukrenergo den Status einer Beobachtermitgliedschaft bei ENTSO-E.
Ukrenergo unternahm alle Anstrengungen und sorgte für die Bildung von sekundären Rechtsvorschriften über das Funktionieren des neuen Strommarktmodells und führte die Plattform für das Marktmanagementsystem (MMS) für den Kauf/Verkauf von Elektrizität auf dem Regelenergiemarkt und dem Markt für Nebendienstleistungen ein.

Ukrenergo ist einer der Hauptakteure auf dem Strommarkt, der die Funktionen eines kommerziellen Zählerverwalters und eines Abwicklungsverwalters sowie seine Verpflichtungen zur Wahrung öffentlicher Interessen (PSO) im Prozess des Funktionierens des Marktes wahrnimmt.”

European Network of Transmission System Operators for Electricity (ENTSO-E), Brüssel, www.entsoe.eu.

Die Ukraine ist Mitglied der ENTSO-E, vertreten durch:

Національна енергетична компанія «Укренерго» [Nationale Energiegesellschaft UKRENERGO], Kiew, ua.energy, ua.energy/pro_kompaniyu/

Für Fragen und Kooperationen kontaktieren Sie mich: 
Tel. (0049) 0170 388 9526 | kontakt@sabineriedel.de